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Vireninfektion im Garten : Ansteckend flüssig

  • -Aktualisiert am

Der Anabaum ist ein Mimosengewächs, aber das hat nichts damit zu tun, dass dieses Exemplar unter einer Viruserkrankung an der Rinde leidet. Pflanzen haben durchaus öfter Viren, und es bringt sie nicht immer um. Bild: Picture-Alliance

Auch Pflanzen haben Virensorgen. Das kann dazu führen, dass die Grundnahrungsmittel knapp werden – oder dazu, dass Tulpen noch schöner blühen.

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          1898 untersuchte der niederländische Biologe Martinus W. Beijerinck kranke Tabakblätter. Das Phänomen hatte zuvor bereits einige seiner Kollegen beschäftigt. Woher kamen die hellgrünen Flecken? Man wusste, dass Bakterien nicht verantwortlich sein konnten, da man mit Hilfe eines Porzellanfilters ein bakterienfreies Filtrat hergestellt hatte, das noch nach Monaten infektiös war. Erst durch Erhitzen auf über 90 Grad Celsius wurde es unschädlich. Beijerinck nannte das Agens, das sich offenbar im Gewebe des Wirtes vermehrte, „contagium vivum fluidum“, also „lebende ansteckende Flüssigkeit“. Ein Virus als Krankheitserreger war damit zum ersten Mal an einer Pflanze nachgewiesen worden.

          Erst im Jahr 1935 gelang es, aus dem Saft erkrankter Pflanzen das Virus zu isolieren, das nach dem Schadbild an den Blättern „Tabakmosaikvirus“ genannt wurde. Das etwa 300 Nanometer lange Virus ist genetisch erstaunlich stabil, leicht übertragbar und bleibt auch noch nach 40 Jahren ansteckend, selbst wenn der pflanzliche Wirt längst zugrunde gegangen ist. Im Laufe der Evolution scheint es gelernt zu haben, auch in einer feindlichen Umwelt zu überleben. Übertragen wird dieses Virus nicht nur durch infiziertes Saatgut und kontaminiertes Werkzeug, sondern auch vom Menschen. Es zählt zu einer Gruppe von Viren, die nicht nur Tabak, sondern zahlreiche weitere Pflanzen befallen, darunter Tomaten, Hopfen, Paprika und Gurken. Die Blätter verfärben und kräuseln sich, während Blüten und Früchte missgebildet sein können.

          Die Nahrungsmittelversorgung ist gefährdet

          Dank moderner Technologien werden unablässig neue Viren entdeckt, beschrieben und klassifiziert. Die wirtschaftlichen Schäden der durch Viren verursachten Pflanzenkrankheiten übertreffen um ein Vielfaches die Ertragsausfälle, die Bakterien, Pilze oder Tiere verursachen. Dabei benötigen Viren Insekten, Fadenwürmer, Pilze oder Bakterien als Überträger, damit sie in die Pflanzen gelangen. Während im Kartoffelbau zahlreiche Viren durch die Grüne Pfirsichblattlaus (Myzus persicae) verbreitet werden, wird ein die Zuckerrübe schwer schädigendes Virus durch einen im Boden lebenden Pilz weitergegeben. Obstkulturen sind ebenfalls betroffen.

          Zerstörerisch: Mosaikvirus auf Gurkenblättern.
          Zerstörerisch: Mosaikvirus auf Gurkenblättern. : Bild: Picture-Alliance

          Die durch das Plum-pox-Virus verursachte Scharka-Krankheit hat in ganz Europa Myriaden von Pflaumenbäumen befallen und alte Sorten wie die Hauszwetschge unrentabel gemacht; auch anderes Steinobst ist betroffen. Das Citrus-tristeza-Virus hat weltweit seit 1950 nicht weniger als 80 Millionen Zitrusbäume vernichtet. Noch verheerender wütet das Cacao-swollen-shoot-Virus, das durch Schmierläuse auf den Kakaobaum übertragen wird; auf westafrikanischen Plantagen sollen ihm über 200 Millionen Bäume zum Opfer gefallen sein. Viren, die Getreide schädigen, gefährden die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln. In den Ländern südlich der Sahelzone breitet sich zurzeit rasch ein aggressives Virus aus, das die widerstandsfähigen Cassava-pflanzen, die auch als Maniok bekannt sind, infiziert und die Wurzeln absterben lässt.

          Die Pflanzenviren selbst sind nicht zu bekämpfen. Im Gewächshaus wie im Hausgarten, auf dem Feld wie im Weinberg bleiben nur präventive Maßnahmen, die Verwendung von virusgetestetem oder virusfreiem Vermehrungsmaterial und strenge Hygienevorkehrungen sowie die Hoffnung auf virusresistente Neuzüchtungen. Effektiv scheint die Bekämpfung der Insekten und anderer Vektoren, die das Virus übertragen. Aber häufig werden dann auch Nützlinge vernichtet. Wenn es schlimm kommt, helfen nur Rodung und Verbrennung.

          Doch Pflanzenviren haben keineswegs nur ein zerstörerisches Potential, wie das Beispiel der Tulpe zeigt. Nachdem Mitte des 16. Jahrhunderts flämische oder französische Reisende die ersten Tulpen, deren Heimat die weiten Steppen und schwer zugänglichen Gebirgstäler Zentralasiens sind, von der Goldenen Pforte nach Westeuropa gebracht hatten, avancierten die schönen und vielgestaltigen Blumen innerhalb kürzester Zeit zum Statussymbol der Reichen und Mächtigen. Besonders begehrt waren die seltenen Exemplare mit zart gefederten und geflammten Blütenblättern, für deren Metamorphose, wie wir heute wissen, das Tulip-breaking-Virus verantwortlich ist, das durch Blattläuse übertragen wird.

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          Unser Autor: Oliver Georgi

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