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Krieg in der Ukraine : Diese Flüchtlinge sieht man nicht

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Der Krieg hinterlässt in vielen Ortschaften in der Ostukraine (hier: Awdijiwka) furchtbare Spuren. Wenn das eigene Haus zur Kampfzone erklärt wird, folgen Flucht und Vertreibung. Bild: dpa

Die Annexion der Krim und der Krieg im Donbass haben nicht nur wirtschaftliche Bande zerstört: Sie bedrohen auch viele Familien. Zwei Millionen Menschen aus der Ostukraine sind auf der Flucht. Doch wohin treibt es sie?

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          Neben der Flüchtlingskrise in Westeuropa gibt es eine kaum beachtete Flüchtlingskrise im Osten. Infolge der russischen Annexion der Krim und des Krieges im Donbass sind mehr als zwei Millionen Menschen aus dem Osten der Ukraine vor dem Krieg und seinen Folgen geflohen. Gut die Hälfte davon fand in unterschiedlichen Teilen der Ukraine eine zeitweilige Unterkunft. Eine weitere Million zog nach Weißrussland und Russland, außerdem gingen viele nach Polen. In allen diesen Ländern werden die Neuankömmlinge, anders als Flüchtlinge aus Syrien, nicht als Bedrohung wahrgenommen.

          In der ukrainischen Schwarzmeerhafenstadt Odessa leitet der Soziologe Alexander Dobroer ein Integrationswerk für Umsiedler aus Luhansk und Donezk. Die regionalen Identitäten in der Ukraine seien stark ausgeprägt, berichtet Dobroer, viele bemerkten einen Unterschied zwischen Odessiten und Zuzüglern. Allerdings gebe es jetzt auch eine Identität als ukrainische Staatsbürger bei Leuten aus verschiedenen Landesteilen. Viele Menschen seien traumatisiert, sagt der Soziologe. Man versuche, die Neu-Odessiten zu aktivieren, damit sie sich gar nicht erst in ihr Flüchtlingsschicksal zurückziehen können. Begeistert berichtet er von einem Businessinkubator für Umsiedler.

          Eine Entweder-Oder-Entscheidung

          Infolge des Krieges im Donbass hat sich die Wirtschaftslage in der Ukraine auch außerhalb der Kampfzone dramatisch verschlechtert. Auf einem Markt im litauischen Vilnius betreibt ein ukrainischer gelernter Physiker namens Andrej einen Kaffeeservice auf Rädern. Er habe im ostukrainischen Kramatorsk einen Computer-Service betrieben, berichtet Andrej. Er verkaufte zwar wenige neue Rechner, doch die Leute hatten immer etwas zu reparieren. Jetzt, sagt er, könnten sie sich nicht einmal das leisten. Andrej fuhr nach Litauen, kaufte sich von seinen letzten Ersparnissen eine italienische Kaffeemaschine und baute sie in einen Lieferwagen ein. So wie Andrej haben sich Hunderttausende Ukrainer auf die Suche nach einer neuen Perspektive in der Europäischen Union gemacht.

          Die Zahl der ukrainischen Flüchtlinge in Russland liegt bei etwa einer Million. Umso bezeichnender, dass die staatlichen russischen Medien, die sich auf Angela Merkels Flüchtlingspolitik eingeschossen haben, das fast völlig ausblenden. Die Verbindungen der beiden Länder sind eng, es gibt kaum eine russische Familie ohne Verwandte in der Ukraine und umgekehrt. Die Annexion der Krim und der Krieg im Donbass haben nicht nur wirtschaftliche Bande zerstört, sie bedrohen auch viele Familien. Viele Ostukrainer, die nicht in den selbsternannten Volksrepubliken von Luhansk und Donezk bleiben wollen, müssen sich entscheiden: Entweder sie ziehen innerhalb der Ukraine um, oder sie gehen zu Verwandten nach Russland.

          Von Ablehnung keine Spur

          Der Regensburger Anthropologe Andrej Vozyanov hat Großeltern, die aus dem ostukrainischen Mariupol nach Rostow am Don umgesiedelt sind. Die Großmutter, eine russische Staatsbürgerin, erhält dort eine bescheidene Rente, von der nun beide leben müssen. Denn der Großvater hat einen ukrainischen Pass. Um seine infolge des Krieges ohnehin stark geschrumpfte Rente abzuheben, müsste er in die frühere Heimat fahren, was wegen der Straßensperren selbst für jüngere Leute mühselig und nicht ungefährlich ist.

          Auch in der benachbarten Republik Belarus bemerkt man die Migranten aus der Ukraine nicht. Viele sind nämlich in kleinen Ortschaften an der Peripherie untergekommen, deren Bewohner nach Moskau gezogen sind, um dort zu arbeiten. Besonders im Südosten des Landes findet man nur noch wenige, die bereit sind, für geringen Lohn in der Landwirtschaft zu arbeiten. So löst Präsident Aleksandr Lukaschenka, indem er die Grenzen für Flüchtlinge aus der Ukraine offen hält, nicht zuletzt ein demographisches Problem in bestimmten Nischen des Arbeitsmarktes. Neuerdings verkündet auch der Leiter der weißrussischen Migrationsbehörde, Aleksej Begun, öffentlich, der belarussische Staat erteile den Migranten unkompliziert Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungen.

          Slawische Brüderlichkeit

          Unlängst brachte das staatliche Fernsehen erstmals eine Sendung, die sich ganz dem Schicksal der Umsiedler widmete. Ihr Tenor war: Weißrussen und Ukrainer seien slawische Brüder, sie verstünden einander prächtig, nicht nur sprachlich. Ukrainischen Einwanderern müsse man nicht erklären, was eine rote Ampel sei, heißt das in Beguns Beamtensprache. Außerdem vermittelt das Fernsehen damit die Botschaft, dass Weißrussland sich trotz wirtschaftlicher Schwierigkeiten immer noch als Sozialstaat verstehe. Dabei wurden erst im vorigen Jahr viele soziale Leistungen zusammengestrichen. Nun zeigt man am Beispiel der Aufnahme ukrainischer Migranten, dass, wie Begun es formuliert, alles getan werde, um die ukrainischen Brüder zu integrieren.

          Die polnische Ministerpräsidentin Beata Szydło nutzte erst kürzlich die rund eine Million ukrainischer Flüchtlinge in ihrem Land als Argument, um die Aufnahme syrischer Flüchtlinge zu verweigern. Die meisten dieser Migranten sind freilich formell als Touristen, Studierende oder Leiharbeiter in Polen. De facto würde Warschau heute ohne ukrainisches Personal gar nicht funktionieren. Trotzdem ist die Vorstellung einer vor allem von Polen bewohnten Stadt noch vorherrschend. Denn die größte Migrantengruppe ist unsichtbar. Man erkennt die vielen Ukrainer vor allem an ihrer Aussprache des Polnischen. Viele von ihnen arbeiten als Kellner. Die Wohnungen der Warschauer Mittelschicht werden von der sprichwörtlichen ukrainischen Putzfrau sauber gehalten. Auch die Lücken, die polnische Ärzte, die heute in Deutschland, Schweden oder England praktizieren, hinterlassen haben, werden teilweise von ukrainischen Ärzten gefüllt.

          Man kennt sich, man hilft sich

          Das Warschauer Ukrainische Haus berät Migranten aus der Ukraine mit Unterstützung der Europäischen Union. Ukrainer, die selbst vor kurzem nach Polen kamen, beraten Neuankömmlinge, wie sie sich am besten legalisieren können, um nicht in Abhängigkeit von Schwarzarbeit oder gar Menschenhandel zu geraten. Mit Touristenvisum können Migranten nicht legal arbeiten, erklärt die Koordinatorin des Ukrainischen Hauses, Diana Barańska; mit einer speziellen Einladung hingegen schon. Die Einwanderer versuchten, so Barańska, sich von einem Status zum nächsten zu hangeln. Ein Sponsor des Hauses ist die Firma Western Union, die sich neue Kundschaft für den Geldtransfer aus der polnischen Hauptstadt in die ukrainische Provinz erhofft. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Veranstaltungen für die polnischen Ukrainer, die schon seit Generationen im Land sind und ihre Sprache und Kultur pflegen wollen.

          Die polnische Regierung reagierte auf die Krise in der Ukraine mit eigens aufgelegten und ausgedehnten Stipendienprogrammen für Wissenschaftler und Künstler aus dem Nachbarland. Die Erinnerung an die Zeit des Kriegszustands in den achtziger Jahren ist noch wach. Die Einsicht, dass man sich gegen eine russischen Gefahr auch dadurch zur Wehr setzen muss, dass man die Eliten des Nachbarlandes symbolisch, politisch und materiell unterstützt, ist in Polen politischer Konsens. Obwohl es zwischen der Ukraine und Polen diverse nicht aufgearbeitete Kapitel von historischer Feindschaft gibt, darunter auch genozidale Gewalt nach Ende des Zweiten Weltkriegs, hält die nationalkonservative polnische Regierung an der Linie ihrer Vorgänger fest. Dazu gehört auch die Praxis, Hunderttausende Tourismusvisa pro Jahr auszustellen und zu verlängern, obwohl klar ist, dass die meisten der so Einreisenden de facto in Polen arbeiten wollen.

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