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Krieg in der Ukraine : Diese Flüchtlinge sieht man nicht

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Slawische Brüderlichkeit

Unlängst brachte das staatliche Fernsehen erstmals eine Sendung, die sich ganz dem Schicksal der Umsiedler widmete. Ihr Tenor war: Weißrussen und Ukrainer seien slawische Brüder, sie verstünden einander prächtig, nicht nur sprachlich. Ukrainischen Einwanderern müsse man nicht erklären, was eine rote Ampel sei, heißt das in Beguns Beamtensprache. Außerdem vermittelt das Fernsehen damit die Botschaft, dass Weißrussland sich trotz wirtschaftlicher Schwierigkeiten immer noch als Sozialstaat verstehe. Dabei wurden erst im vorigen Jahr viele soziale Leistungen zusammengestrichen. Nun zeigt man am Beispiel der Aufnahme ukrainischer Migranten, dass, wie Begun es formuliert, alles getan werde, um die ukrainischen Brüder zu integrieren.

Die polnische Ministerpräsidentin Beata Szydło nutzte erst kürzlich die rund eine Million ukrainischer Flüchtlinge in ihrem Land als Argument, um die Aufnahme syrischer Flüchtlinge zu verweigern. Die meisten dieser Migranten sind freilich formell als Touristen, Studierende oder Leiharbeiter in Polen. De facto würde Warschau heute ohne ukrainisches Personal gar nicht funktionieren. Trotzdem ist die Vorstellung einer vor allem von Polen bewohnten Stadt noch vorherrschend. Denn die größte Migrantengruppe ist unsichtbar. Man erkennt die vielen Ukrainer vor allem an ihrer Aussprache des Polnischen. Viele von ihnen arbeiten als Kellner. Die Wohnungen der Warschauer Mittelschicht werden von der sprichwörtlichen ukrainischen Putzfrau sauber gehalten. Auch die Lücken, die polnische Ärzte, die heute in Deutschland, Schweden oder England praktizieren, hinterlassen haben, werden teilweise von ukrainischen Ärzten gefüllt.

Man kennt sich, man hilft sich

Das Warschauer Ukrainische Haus berät Migranten aus der Ukraine mit Unterstützung der Europäischen Union. Ukrainer, die selbst vor kurzem nach Polen kamen, beraten Neuankömmlinge, wie sie sich am besten legalisieren können, um nicht in Abhängigkeit von Schwarzarbeit oder gar Menschenhandel zu geraten. Mit Touristenvisum können Migranten nicht legal arbeiten, erklärt die Koordinatorin des Ukrainischen Hauses, Diana Barańska; mit einer speziellen Einladung hingegen schon. Die Einwanderer versuchten, so Barańska, sich von einem Status zum nächsten zu hangeln. Ein Sponsor des Hauses ist die Firma Western Union, die sich neue Kundschaft für den Geldtransfer aus der polnischen Hauptstadt in die ukrainische Provinz erhofft. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Veranstaltungen für die polnischen Ukrainer, die schon seit Generationen im Land sind und ihre Sprache und Kultur pflegen wollen.

Die polnische Regierung reagierte auf die Krise in der Ukraine mit eigens aufgelegten und ausgedehnten Stipendienprogrammen für Wissenschaftler und Künstler aus dem Nachbarland. Die Erinnerung an die Zeit des Kriegszustands in den achtziger Jahren ist noch wach. Die Einsicht, dass man sich gegen eine russischen Gefahr auch dadurch zur Wehr setzen muss, dass man die Eliten des Nachbarlandes symbolisch, politisch und materiell unterstützt, ist in Polen politischer Konsens. Obwohl es zwischen der Ukraine und Polen diverse nicht aufgearbeitete Kapitel von historischer Feindschaft gibt, darunter auch genozidale Gewalt nach Ende des Zweiten Weltkriegs, hält die nationalkonservative polnische Regierung an der Linie ihrer Vorgänger fest. Dazu gehört auch die Praxis, Hunderttausende Tourismusvisa pro Jahr auszustellen und zu verlängern, obwohl klar ist, dass die meisten der so Einreisenden de facto in Polen arbeiten wollen.

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