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Attentat auf Moskauer Ballettchef : Liebesränke und Größenwahn

Russlands Erste Bühne als Schauplatz eines hasserfüllten, hochdramatischen Komplotts: Das Attentat auf den Ballettchef des Bolschoi hat seine Wurzeln im Beziehungsgeflecht des Ensembles. Bild: picture alliance / dpa

Das Säureattentat auf den Ballettchef des Bolschoi-Theaters, Sergej Filin, scheint aufgeklärt zu sein. Doch glauben in Moskau viele, dass noch mehr darin verstrickt sind, als jetzt im Gefängnis sitzen.

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          „Iwan der Schreckliche“, der jetzt als mutmaßlicher Auftraggeber des heimtückischen Säureanschlags auf Bolschoi-Ballettchef Sergej Filin ins Untersuchungsgefängnis gesperrt wurde, war für die kriminelle Rolle nicht befähigt. Das versichern Kollegen und Freunde vom „Spanischen Hof“, wie Russlands Erste Bühne in diesen Tagen genannt wird. Mehrere Tänzer und Orchestermusiker des Bolschoi haben gegenüber dem Gericht und der Presse beteuert, Ballettsolist Pawel Dmitritschenko, der noch jüngst als furioser Titelheld des Prokofjew-Balletts über den schrecklichen Zaren brillierte, sei aufbrausend, unstet, manchmal unbeherrscht, aber niemals nachtragend gewesen und auch gegenüber Opponenten immer offen und ehrlich. Obwohl noch bis zum 18. April weiterermittelt werden soll, betrachten die Polizeifahnder den Fall des Attentats auf Filin als eigentlich gelöst.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Polizei hatte den Säurespritzer Juri Saruzki, seinen Chauffeur Andrej Lipatow und den vermeintlichen Auftraggeber Dmitritschenko anhand der Mobiltelefongespräche ausfindig gemacht, die zur Tatzeit am 17. Januar vor dem Haus von Sergej Filin an der Moskauer Troizkaja-Straße geführt worden waren. Auf diese Weise waren seinerzeit auch die Mörder der Journalistin Anna Politkowskaja aufgespürt worden.

          1200 Euro Blutgeld

          Der Tänzer Dmitritschenko kannte den vorbestraften Saruzki als Nachbarn aus der Datschensiedlung des Bolschoi-Theaters, wo er ein Sommerhaus bewohnt, ebenso wie Lipatow, der ihn mehrfach dorthin gefahren haben soll. Saruzki soll sich von dem Starsolisten, der ihm von Korruption im Bolschoi und seinen Konflikten mit dem Ballett-Chef erzählte, Geld geliehen und ihm irgendwann angeboten haben, „die Sache zu erledigen“. Das Honorar dafür habe 1200 Euro betragen. Dmitritschenko streitet das ab und erklärte vor Gericht, er habe Saruzki nur einmal zugestimmt, als der sagte, er wolle Filin eins „in die Fresse geben“.

          Doch Saruzki hat die Bemerkung offenbar auf seine Weise interpretiert. Der Ex-Dieb kaufte in einem Geschäft für Automobilzubehör verdünnte Schwefelsäure und konzentrierte sie nach einem Rezept, das er im Internet gefunden hatte, indem er sie einkochte. Dmitritschenkos Anwalt qualifizierte das vor Gericht mit dem strafrechtlichen Terminus „Exzess des Täters“, der, wenn er beispielsweise gebeten würde, ein ernstes Wort mit jemandem zu reden, mit dem Panzer losfahre und den Betreffenden erschieße. In einem polizeilichen Fahndungsexperiment, bei dem Saruzki seine Tat vor dem Wohnhaus Filins nachstellte, gab er selbst zu, dass er von dem lauten Geschrei seines Opfers erstaunt gewesen sei. Filin erlitt Verätzungen dritten Grades im Gesicht und lässt sich, nach mehrfachen Augen- und Hautoperationen in Moskau, derzeit in Deutschland weiterbehandeln. Saruzki scheint seine Tat nicht zu bedauern, sondern nur wütend zu sein. Als ein Journalist ihn im Gerichtssaal fragte, ob er sich nicht vor einer Verurteilung fürchte, entgegnete er: „Hähne“ - ein abschätziges Wort für Homosexuelle - „haben das verdient.“

          Selbstüberschätzung und Neid

          Sergej Filin selbst wird unterdessen mit der Bemerkung zitiert, er sei über die Festnahmen nicht überrascht. Filins Gattin Maria Prorwitsch erklärte jedoch sogleich, der Kreis der an dem Attentat Beteiligten sei sicherlich viel größer. Aus Theaterkreisen wird berichtet, dass Dmitritschenko Filin vor allem deshalb grollte, weil der seine zweite De-facto-Gattin, die Nachwuchsballerina Anzhelina Woronzowa, nicht die Hauptrolle in „Schwanensee“ tanzen lassen wollte. Wobei die Kollegen zugleich anmerken, dass es Filin war, der Woronzowa überhaupt aus dem provinziellen Woronesch nach Moskau geholt und protegiert hatte. Außerdem sei die Tänzerin tatsächlich noch nicht reif für die Odette, möglicherweise auch deshalb, weil sie, statt bei einer Lehrerin, bei einem männlichen Tänzer, Nikolai Ziskaridse, trainiert.

          Ziskaridse hatte auf Filins Posten spekuliert und war sogar von einer Gruppe von Kulturträgern Ende vorigen Jahres dafür vorgeschlagen worden. Der Tänzer gibt selbst zu, er habe einen schwierigen Charakter. Wiederholt hat er sich durch seine Generalkritik am Bolschoi-Theater, an der Renovierung der Hauptbühne und insbesondere an der dort herrschenden künstlerischen Ballett-Politik hervorgetan. Anzhelina Woronzowa sei Ziskaridses Lieblingsschülerin, verriet eine Bolschoi-Insiderin, die allerdings ihren Namen nicht nennen will. Der kinderlose Ziskaridse habe Woronzowa wie eine Tochter angenommen und ihrer Verbindung mit seinem „Schwiegersohn“ Dmitritschenko seinen Segen gegeben.

          Weitere Einzelheiten werden erwartet

          Selbst die Polizeifahnder wollen nicht ausschließen, dass noch weitere Einzelheiten ans Licht kommen. Doch das Gericht im Moskauer Stadtteil Taganka, wo die Sache verhandelt wird, lehnte schon mal den Antrag von Dmitritschenkos Anwalt ab, den Tänzer gegen eine Kaution von zwölftausend Euro auf freien Fuß zu setzen. Der Verdächtige könne draußen „Druck auf Zeugen ausüben oder seine persönlichen Beziehungen im Staate nutzen“, hieß es in der Erklärung dazu. Die Verteidigung legte keine Berufung ein. Dmitritschenko sagte, ihm sei klar gewesen, dass das Gericht so entscheiden würde.

          Nun hängt vieles von den Aussagen des für seine Unbändigkeit bekannten Tänzers vor Gericht ab. Im Angeklagtenkäfig wirkte Dmitritschenko blass und verzagt. Ihm nahestehende Kollegen glauben, dass der unglückliche Bühnenzar seinen Zorn auf Filin sofort vergessen hätte, wäre er nicht von Ziskaridse weiter angestachelt worden - und vielleicht von Anzhelina Woronzowa. Besagte Bolschoi-Insiderin sieht Dmitritschenko nicht zuletzt als Opfer des eigenen künstlerischen Größenwahns, der ihn dazu verführte, sich als Mitorganisator eines Videos zu brüsten, das Filins Vorgänger Janini kompromittiert. Im Übrigen leide Ziskaridse an der gleichen Krankheit. Die Bekannten des eingesperrten Ballettsolisten geben sich indes gewiss, er werde Nikolai Ziskaridse nie belasten.

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