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Atomkraftgegner : Das schreckliche Feuerzeichen

Gegen die Fesseln einer verseuchten Sprache: Hartmut Gründler 1975 in der Stuttgarter Stiftskirche Bild: Jahrbuch 2008 - Landkreis Kassel

Sein Fall ist beinahe vergessen: Aus Protest gegen die Atompolitik der Regierung verbrannte sich der Tübinger Lehrer Hartmut Gründler 1977 selbst. Auf seinen Sarg ließ er ein Buch des Bundeskanzlers Helmut Schmidt nageln.

          Am 14. November 1977 schreibt der Tübinger Lehrer Hartmut Gründler einen Brief an den damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt. Gründler, der zuvor aus Protest gegen die seiner Ansicht nach verlogen geführte Debatte über die Atompolitik in den Hungerstreik getreten war, listet darin die Möglichkeiten auf, die ihm noch bleiben: in den Schuldienst zurückzukehren; den Hungerstreik fortzuführen; oder ein „Feuerzeichen“ zu setzen als „letzte und äußerste Form des Protestes“.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Am selben Tag setzt Gründler noch einen Brief mit dem Vermerk auf: „Bitte weiterreichen! Bitte verständigen Sie rasch einen Publizisten aus Presse, Funk, Fernsehen!“ Als ginge es schon gar nicht mehr um sein eigenes Schicksal, als wäre seine Existenz ihm schon in weite, gleichsam romanhafte Ferne gerückt, spricht er hier von sich in der dritten Person und wirft der Bundesregierung abermals „grobe Irreführungen in der Atompolitik“, die Verweigerung jeglichen Dialogs und das undemokratische Schaffen von Tatsachen in Form von Atomkraftwerken und Endlagern vor. Überschrieben ist der Brief mit „Selbstverbrennung eines Lebensschützers“. Sein Hab und Gut sollen, so verfügt er es, „vier der moralisch Hauptverantwortlichen des Bürgerdialoges Kernenergie“ erben: neben Helmut Schmidt Bundespräsident Walter Scheel, Forschungsminister Hans Matthöfer und der Pfarrer Kurt Oeser.

          Angetrieben von Wahrheitsliebe

          Zwei Tage später, am 16. November 1977, es ist Buß- und Bettag, übergießt Gründler sich in der Hamburger Innenstadt, wo zur selben Zeit die SPD ihren Parteitag abhält, mit Benzin und zündet sich an. Man bringt den noch Lebenden, dessen Haut zu achtzig Prozent verbrannt ist, in eine Klinik. Hier stirbt er fünf Tage später und ohne aus dem Koma noch einmal aufzuwachen. Hartmut Gründler - einer der rechtschaffensten und, wenn man die Gewalt, die er sich selbst antat, betrachtet, zugleich entsetzlichsten Menschen seiner Zeit.

          Ließ sich seine Politik nicht von einem „wohlmeinenden Idealisten” kaputtmachen: Der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt

          Leben und Tod dieses Mannes haben in der Tat etwas von Michael Kohlhaas, und wahrhaft kleistisch mutet seine Verzweiflung darüber an, dass zumindest die in der Atomdebatte gebrauchte Sprache die Wirklichkeit nicht adäquat wiedergebe: „Er bekräftigt“, schreibt Gründler abschließend über sich, „seine für manchen Bundesgenossen schockierende Aussage, dass er nicht ,grundsätzlich' gegen Atomenergie ist, sondern einzig für redliche Information und redliche öffentliche Diskussion. Vor diesen beiden Maßstäben allerdings schmilzt die bisherige und vermutlich auch jede künftige Atompolitik wie Butter an der Sonne.“

          An die Robustheit einer Atompolitik, die erst eine Katastrophe im Fernen Osten zum Schmelzen zu bringen vermag, hat Gründler vermutlich nicht geglaubt. Hätte er sich im Nachhinein dadurch bestätigt sehen können, dass ein heutiger Minister, der die Wahrheit über die Atompolitik der Bundesregierung ausplaudert, als Belastung eingestuft wird? Sein Idealismus war von der Art, dass er noch gar nicht zu den Dingen selbst durchdrang, sondern, wie in einen sprachphilosophischen Propädeutikum, schon beim Reden über diese Dinge ansetzte. Mit einer Politik, die von etwas anderem angetrieben wird als von Wahrheitsliebe, wollte er sich nicht abfinden. Helmut Schmidt aber konterte auf dem Hamburger SPD-Parteitag - Gründler lag verbrannt in der Klinik -, Erhard Epplers Versuch einer Ehrenrettung Gründlers mit der Bemerkung, man lasse sich eine Politik, die schließlich viele Arbeitsplätze schaffe, nicht von „wohlmeinenden Idealisten“ kaputtmachen.

          Sprachliche Verpackung der Atomenergie

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