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Atomausstieg : Der Irrtum der Raupe

  • -Aktualisiert am

Windkraftanlage bei Klein Welzin (Nordwestmecklenburg) Bild: dpa

Nach Fukushima ist die Rede vom Risiko zur Ideologie verkommen. Nur eines ist sicher: der nächste GAU. Plädoyer für eine Energiewende, die auch eine Demokratiewende ist.

          Ihr Deutschen steht allein da, sagt der amerikanische Umweltaktivist Stewart Brand über Deutschlands Pläne zum Ausstieg aus der Atomenergie. Und er fügt hinzu: Deutschland handelt verantwortungslos. Aus wirtschaftlichen Gründen und angesichts der Bedrohung durch Treibhausgase könnten wir nicht auf Atomkraft verzichten (Der amerikanische Umweltaktivist Stewart Brand: Ihr Deutschen steht allein da). „Ich hatte Zweifel, aber Fukushima hat mich vom Wert der Atomenergie überzeugt“ – so spitzt der britische Umweltaktivist George Monbiot zu. Es gebe bislang keine Toten, obwohl die Kernreaktoren in Japan dem härtest möglichen Test unterworfen wurden, nämlich einem der schlimmsten Erdbeben und einem Tsunami. Deshalb, so Monbiot, liebe er die Atomenergie.

          Allerdings wäre es völlig falsch anzunehmen, dass Deutschland mit seiner politischen Entscheidung für die Energiewende sich vom europäischen Modernitätsbegriff verabschiedet und sich den dunklen, waldigen Wurzeln der deutschen Geistesgeschichte zuwendet. Hier ergreift nicht jene sprichwörtliche deutsche Irrationalität die Macht, sondern der Glaube an die Lernfähigkeit und Kreativität der Moderne im Umgang mit ihren selbstverschuldeten Gefahren.

          Die Befürworter der Atomkraft gründen ihr Urteil auf einen gegen Erfahrung immunen Risikobegriff, der gedankenlos das Zeitalter der Frühindustrialisierung mit dem Atomzeitalter verwechselt. Diese Risikorationalität geht davon aus, dass der schlimmstmögliche Fall eintreten kann und dass wir dafür Vorsorge treffen müssen. Schön wäre es, wenn diese Voraussetzungen eines berechenbaren Risikos im Fall Atomkraft noch gälten: Wenn der Dachstuhl brennt, kommt die Feuerwehr, die Versicherung zahlt, für die notwendige medizinische Betreuung und anderes ist gesorgt.

          Trotz Energiewende hat es die Solar-Wirtschaft aktuell schwer: Die Kapazität liegt über der Nachfrage, der Preisdruck ist groß

          Wunschdenken, wirklichkeitsblind

          Übertragen auf die Risiken der Atomenergie, hieße das: Auch im schlimmsten Fall strahlt unser Uran nur wenige Stunden und nicht Tausende von Jahren; und es ist keinesfalls notwendig, die Bevölkerung einer nahen Großstadt wie etwa München zu evakuieren.

          Das ist natürlich Wunschdenken, wirklichkeitsblind. Wer nach Tschernobyl und Fukushima noch behauptet, französische, britische, amerikanische, chinesische und andere Atomkraftwerke seien sicher, der verkennt, dass empirisch die entgegengesetzte Schlussfolgerung gezogen werden muss – eines ist sicher: der nächste GAU. Unsicher ist nur noch: wann und wo.

          Wer zu Recht behauptet, dass es bei großtechnischen Anlagen der Energieerzeugung ein Null-Risiko nicht geben kann, und daraus folgert, dass die Risiken bei der sauberen Nutzung von Kohle, Biomasse, Wasserkraft, Wind und Sonne sowie Atomenergie zwar unterschiedlich, aber vergleichbar sind, mogelt sich an der Tatsache vorbei, dass wir sehr genau wissen, was geschieht, wenn ein Atomkern schmilzt. Wir wissen, wie lange Radioaktivität strahlt, was Cäsium und Jod mit den Menschen und der Umwelt tun und wie viele Generationen im schlimmsten Fall zu leiden haben.

          Kernenergie wird teurer, erneuerbare billiger

          Und wir wissen, dass diese Dimensionen zeitlich, räumlich und sozial entgrenzter Folgen auf die regenerativen Energien nicht zutreffen. Wer dagegen wie Monbiot davon ausgeht, dass nur Tote zählen, nicht aber die genetischen Schäden ungeborener Generationen, die Evakuierten, die niemals zurückkönnen, der betreibt Risikowissenschaft als Ideologie.

          Und die Versicherungsfrage? Seltsamerweise war im Imperium der freien Marktwirtschaft, also gerade in Amerika, die Atomenergie die erste staatssozialistische Industrie, jedenfalls, was die Kosten der Fehler betrifft. Die Profite wandern in private Taschen, die Risiken werden sozialisiert und auf zukünftige Generationen und Steuerzahler abgewälzt. Wenn aber per Gesetz die Kernenergieunternehmen zu einer Atomversicherung verpflichtet würden, dann wäre dies das Ende vom Märchen des billigen Atomstroms. Der Risikobegriff des neunzehnten Jahrhunderts ist, angewandt auf die Atomkraft am Beginn des 21. Jahrhunderts, eine Zombie-Kategorie, die uns blind macht für die Wirklichkeit, in der wir leben.

          Einen so schnellen Ausstiegskurs wie Deutschland fährt keine andere Industrienation. Ist das nicht doch übertriebene Panik? Nein. Es ist nicht deutsche Angst. It’s the economy, stupid! Kernenergie wird auf Dauer teurer, erneuerbare billiger. Vor allem aber gilt: Wer weiter sämtliche Optionen offen lässt, wird nicht investieren. Dann schafft Deutschland die Energiewende nicht.

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