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Atomausstieg : Der Irrtum der Raupe

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Die Deutschen treibt eine listige Angst an. Sie wittern die ökonomischen Chancen der Weltzukunftsmärkte. Ein Zyniker könnte sagen: Lasst die Anderen doch weiter stolz auf ihre Angstlosigkeit sein – das mündet in technologische Stagnation und Fehlinvestitionen. Die Befürworter der Atomenergie verbauen sich selbst den Weg in die Zukunftsmärkte investieren, auch nicht in „alternative“ Ausbildungen und Forschungsinstitute.

Sonnenenergie macht Menschen unabhängig

Die Situation am Beginn des 21. Jahrhunderts ist vergleichbar mit anderen Epochenbrüchen der Energieversorgung. Man stelle sich vor, die Menschen hätten vor 250 Jahren, am Beginn der ersten industriellen Revolution, den Rat, in Kohle und Stahl, Dampfmaschinen, Webstühle und später Eisenbahnen zu investieren, in den Wind geschlagen. Oder sie hätten es vor etwa fünfzig Jahren als „amerikanische Angst“ abgetan, dass Amerikaner plötzlich in Mikroprozessoren, Computer, das Internet und die neuen Märkte, die diese Kommunikationstechnologien eröffnen, investieren.

Heute haben wir es mit einem ähnlichen historischen Augenblick zu tun. Wer nur einen Teil der Wüsten für Sonnenenergie erschließt, könnte den Energiebedarf der gesamten Zivilisation decken. Niemand kann das Sonnenlicht besitzen, keiner kann es privatisieren oder nationalisieren. Jeder kann diese Energiequelle für sich erschließen. Atomenergie ist hierarchisch, Sonnenenergie ist demokratisch. Nukleare Energie ist ihrer Natur nach anti-demokratisch.

Das genaue Gegenteil gilt für die erneuerbaren Energien der Sonne, des Windes. Wer seine Energie von einem Atomkraftwerk bezieht, dem wird, wenn er die Rechnung nicht bezahlt, der Strom abgeschaltet. Demjenigen, der seine Energie aus Sonnenkollektoren auf seinem Haus bezieht, kann das nicht passieren. Sonnenenergie macht Menschen unabhängig. Klar, diese Freiheit stellt das Machtmonopol der Kernenergie in Frage. Warum sind ausgerechnet Amerikaner, Briten und Franzosen, die der Freiheit einen so großen Wert beimessen, blind für diese emanzipatorischen Konsequenzen?

Neuartige Koalition zwischen Staat und Gesellschaft

Überall wird das Ende der Politik verkündet und betrauert. Paradoxerweise kann die kulturelle Wahrnehmung der Gefahr genau das Gegenteil, nämlich das Ende vom Ende der Politik einleiten. Wer dies verstehen will, kann auf John Deweys Einsicht zurückgreifen, die er bereits im Jahre 1927 in „The Public and its Problems“ ausgeführt hat. Danach entsteht eine grenzübergreifende Öffentlichkeit, der die Kraft zur Gemeinschaftsbildung innewohnt, nicht aus politischen Entscheidungen, sondern aus den Konsequenzen von Entscheidungen, die in der kulturellen Wahrnehmung der Bürger existenziell problematisch sind.

So erzwingt ein öffentlich wahrgenommenes Risiko die Kommunikation zwischen denen, die sonst nichts miteinander zu tun haben möchten. Es legt denen Verpflichtungen und Kosten auf, die sich dagegen wehren – und die oft das geltende Recht auf ihrer Seite haben. Mit anderen Worten: Gerade das, was viele als hysterische Überreaktion auf das „Risiko“ der Atomenergie glauben anprangern zu müssen, ist ein lebenswichtiger Schritt, der eine Energiewende als Demokratiewende politisch ermöglicht.

Angesichts der Atomkraftkatastrophe werden Staaten und zivilgesellschaftliche Bewegungen ermächtigt, da sie neue Legitimationsquellen und Handlungsoptionen zum Vorschein kommen lassen. Entmächtigt wird gleichzeitig die Atomindustrie. Infolgedessen erhält eine neuartige Koalition zwischen zivilgesellschaftlichen Bewegungen und Staat, wie wir sie jetzt in Deutschland beobachten können, ihre historische Chance.

Auch machtpolitisch ist der Politikwechsel sinnvoll. Nur eine wirtschaftsnahe, konservative Regierung kann eine solche Energiewende vollziehen, weil sie die lautesten Gegner dafür in den eigenen Reihen hat. Allerdings hat dieser Sieg der grünen Politik auch eine Kehrseite. Kohlendioxid-Emissionen können zum Maß aller Dinge werden. Sogar für die Scheidung muss man sich nun nicht mehr nur vor Gott verantworten, sondern auch vor der Umwelt. Warum? Weil die Haushalte von Paaren umweltverträglicher sind als Single-Haushalte.

Dennoch: Wer Deutschlands Ausstieg aus der Atomenergie kritisiert, könnte dem Irrtum der Raupe erliegen. Das Tier befindet sich im Stadium der Entpuppung, beklagt aber das Verschwinden des Kokons, weil sie den Schmetterling der erneuerbaren Energie, zu dem sie wird, noch nicht ahnt.

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