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Athen : Halbstarke an der Regierung

  • -Aktualisiert am

Auch so eine Troika: Horst Buchholz (Mitte), lauernd mit Kumpanen im „Halbstarken“-Film von 1956. Bild: Picture-Alliance

Sind in Griechenland jetzt Halbstarke am Ruder? Lederjoppe und Moped gehören auf jeden Fall dazu. Und was sonst noch? Eine Begriffsgeschichte.

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          Sie kommen aus Griechenland und treten mit ungeheurem Selbstbewusstsein auf. Ihre Hemden tragen sie krawattenlos und offen, die Lederjacke wird zum Markenzeichen ihrer Rebellenpose. Manch einer deutet schon ihre Körperhaltung als Affront, die zumindest früher als ein lässiges Herumlümmeln beschrieben wurde und im Gegensatz zum gereckten Disziplinarkörper der bürgerlichen Gesellschaft stand. Der CSU-Politiker Hans-Peter Friedrich spricht, wie einige Kommentatoren in diesen Tagen, von „Halbstarken“.

          Mit diesem heute nur noch selten bemühten Begriff waren seit Mitte der fünfziger Jahre junge Männer aus der Arbeiterklasse gemeint, die durch ungewohnte Aneignungen des öffentlichen Raums althergebrachte Vorstellungen von Ruhe und Ordnung durcheinanderbrachten. In Großbritannien wurden sie „teddy boys“ genannt, in Frankreich „blousons noirs“, in Holland „nozems“ und in Spanien „gamberros“. Eine Spezialität griechischer Halbstarker waren, laut zeitgenössischen Medienberichten, Joghurt-Attacken auf Passanten. Dazu fehlt es den griechischen Jugendlichen unserer Tage zweifellos an finanziellen Mitteln.

          Das Stigma der „Halbstarken“

          Hans-Peter Friedrich reanimiert, bewusst oder unbewusst, jedenfalls eine Sozialfigur. Seine Hochkonjunktur hatte der Begriff in den Jahren 1956/57, als durch Europa eine Welle sogenannter Großkrawalle lief. Zwar sind die Randale in der Essener Grugahalle und dem Berliner Sportpalast anlässlich der Tournee von Bill Haley 1958 in die Erinnerungskultur des Pop eingegangen. Doch wer weiß noch, dass auch in Hannover, Köln, Mannheim und Bielefeld ebenso wie in Leipzig, Halle und Dresden Massenaufläufe rigide Polizeieinsätze provozierten, die oftmals zu Wasserwerfereinsätzen und Festnahmen führten und erbitterte politische Debatten auslösten?

          Bringen die Figur des Halbstarken auf die internationale politische Bühne: Alexis Tsipras und sein Finanzminister Yanis Varoufakis
          Bringen die Figur des Halbstarken auf die internationale politische Bühne: Alexis Tsipras und sein Finanzminister Yanis Varoufakis : Bild: AP

          In Mannheim etwa hatten am 4.Dezember 1956 Dutzende Jugendliche ein Kino in einer Atmosphäre der Unternehmungslust verlassen, wie es später in Berichten hieß, und sich auf den alten Meßplatz begeben. Dort rotteten sie sich zu einer Menge von vierhundert Leuten zusammen, um anschließend über die Innenstadt herzufallen, wobei allerhand zu Bruch ging. Festgenommene Teilnehmer des Krawalls sprachen anschließend vom „Übermut“, der sie gepackt habe, auch habe man einmal zeigen wollen, „wie stark wir sind“.

          Der Kriminologe Günther Kaiser sprach damals von „Schad- und Angriffskriminalität“, um den „Halbstarken“ als einen juristisch relevanten Verhaltenstypus zu konstruieren. Der pejorative Begriff war jedoch schon seit der Jahrhundertwende bekannt. War schon der Begriff des „Jugendlichen“ im neunzehnten Jahrhundert abwertend und zielte vor allem auf männliche junge Arbeiter, so erforderte die allmähliche Etablierung dieses Wortes als wertneutraler Begriff neue Vokabeln, um Devianz zu markieren.

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