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Zum Tod von Václav Vorlicek : Hier Zauber, dort Realismus

In Prag geboren: Filmregisseur Václav Vorlicek (1930 - 2019) Bild: Philipp Krohn

Václav Vorlicek hat „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ gedreht – und auch in anderen Filmen subtile Botschaften in Zeiten des Sozialismus untergebracht. Nun ist der tschechische Regisseur gestorben.

          In der tschechischen Kinderserie „Die Märchenbraut“ gibt es eine Szene, die stellvertretend für den Witz ihrer genialen Filmemacher steht. Durch Zauberkraft hat die selbstgerechte Prinzessin Xenia gerade allen Märchenfiguren ihres Reichs ein modernes Zuhause geschaffen. Die sieben Zwerge wohnen also statt in ihrem Häuschen hinter den Bergen in einem mehrstöckigen gesichtslosen Hochhaus mit Boiler und fließend Wasser aus der Spüle. Da fragt der eine Zwerg seine Kameraden, was die seltsame Vorrichtung solle, hängt sich an die Schnur für die Toilettenspülung, rutscht ab und wird in rasender Geschwindigkeit von den Wassermassen mitgerissen. „Eine Wasserrutsche“, mutmaßen die anderen verdattert. Es ist diese Art von subversivem Humor mit einer Prise Zivilisationskritik, die sich aus dem Aufeinandertreffen unvereinbarer Welten speist, mit der Václav Vorlicek viele Kinder- und Elternherzen höher schlagen lassen hat. Nun ist mit ihm nach Jindrich Polak, Ota Hofmann („Pan Tau“) und seinem langjährigen Partner Milos Macourek auch der letzte der vier großen tschechischen Kinderfilmemacher gestorben.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          „Das Lachen der Zuschauer ist der Motor meiner Arbeit“, sagte er im vergangenen Jahr FAZ.NET, als er in einem langen Gespräch im Café Slavia in seinem Geburtsort Prag über seine Karriere reflektierte. Dass er an das Kindergenre geriet, ist einem Zufall zu verdanken. Denn die legendären Barrandov-Studios, die einige der besten Märchenverfilmungen der Filmgeschichte verantworteten, hatten anfangs nicht unbedingt das Personal, um mit Kindern zu arbeiten. „Immer wenn sie einen Film mit kleinen Kindern machen sollten, haben sie den Assistenten beauftragt“, sagte er. Das bot Vorlicek die Möglichkeit, sich in diesem Genre zu etablieren. „Ich dachte: Das ist der einfachste Weg, zum Filmemachen zu kommen.“

          Filme mit subtilen Botschaften

          Vorlicek ist 1930 in Prag geboren, eineinhalb Jahrzehnte lebte er also zunächst in einer liberalen Demokratie, dann unter deutscher Besatzung, bevor der Zweite Weltkrieg zu Ende ging und der Sozialismus kam. Den meisten seiner Filme und Serien merkt man an, dass er mit der gleichmacherischen Doktrin gefremdelt hat. Selbst in harmlos scheinenden Werken wie „Saxana – Das Mädchen auf dem Besenstiel“, „Die Märchenbraut“ oder „Der fliegende Ferdinand“ sind immer wieder mehr oder weniger subtile Botschaften versteckt, die Vertreter der Bürokratie als lächerliche Figuren dastehen lassen, die Segnungen der Moderne in Frage stellen und Nonkonformismus als bessere Haltung feiern. „Wir hatten das Gefühl, dass uns etwas aufgezwungen wurde, das wir bis zum Alter von 15 Jahren nicht so erlebt hatten“, sagte er. „Selbstverständlich wussten wir, wo wir es ein bisschen härter angehen konnten und wo wir vorsichtiger sein müssen, damit Filme überhaupt gezeigt werden konnten.“

          Auf der ganzen Welt bekannt geworden mit seinem Film „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“.

          Sein bekanntestes Werk ist der Märchenfilm „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ von 1973 mit Libuse Safrankova in der Titelrolle. Sie spielt eine ungewöhnlich emanzipierte Prinzessin, die von Männern verfolgt diese ein ums andere mal durch kluge Finten abschüttelt, ausgezeichnet reitet und mit der Armbrust umzugehen versteht. „Aschenbrödel“ wird in vielen Bestenlisten des Genres geführt und wurde in mehr als 100 Länder verkauft. In Deutschland wird der Film jedes Jahr in mehreren dritten Programmen wiederholt und gehört für viele Familien zum festen Weihnachtsritual. Vorlicek musste den Film auf Betreiben des Kooperationspartners Defa im Winter drehen, um den Schauspielern eine Beschäftigung zu verschaffen, was ihn vor einige Herausforderungen stellte.

          Inspiration aus amerikanischen Comics

          Für die meisten anderen seiner Werke war er im Gegensatz zu dieser Auftragsarbeit auch als Autor verantwortlich – oft in Zusammenarbeit mit dem kongenialen Drehbuchschreiber Milos Macourek, der 2002 gestorben ist. „Wir stellten uns gegenseitig unsere Ideen vor, und immer wenn der andere dabei lachte, sagten wir: Okay, das nehmen wir auf. Auf dieser Basis entstanden viele Filme“, sagte er über diese lang anhaltende Freundschaft, in der er selbst die Rolle des geordneten Kreativen einnahm, während Macourek chaotische Züge gehabt haben soll. „Die Märchenbraut“, „Saxana“ und „Ferdinand“ sind die bedeutendsten Kooperationen und leben vom Aufeinanderprallen verschiedener Sphären: eines Phantasiereichs voller unerklärbarer Dinge und der realen, versachlichten Welt ohne Romantik. Wenn Zauber auf nüchternen Bürokratismus trifft, endet das für die Protagonisten oft in der Psychiatrie, in der dann auch wieder einiges schief geht.

          Die Inspiration zu solchen Ideen kam ihm aus der Lektüre amerikanischer Comics nach 1945. Schon in einem seiner ersten Filme ließ er Comichelden auf die reale Welt treffen. Mit Komödien wie der James-Bond-Parodie „Das Ende des Geheimagenten WFC“, „Wer will Jessie umbringen?“ oder „Wie soll man Dr. Mrácek ertränken? oder Das Ende der Wassermänner in Böhmen“ hat Vorlicek auch einige hoch geschätzte Erwachsenenfilme gedreht. Anfang der siebziger Jahre lebte er für einige Monate in den Vereinigten Staaten, kehrte aber der Frau und der zwei Töchter wegen in die Tschechoslowakei zurück – anders als Kollegen wie Milos Forman, der dann in Amerika zum Star wurde und Oscars einsammelte. Wer weiß, ob der Name Vorlicek im Mekka des Kapitalismus so bekannt geworden wäre, wie er es verdient hätte. Denn angesichts der Fülle an Stoffen und der vielen begeisterten Fans, die seine Werke verehren, darf man Vorlicek getrost als tschechisches Pendant zu Astrid Lindgren bezeichnen – eine Charakterisierung, an der er übrigens selbst Gefallen gefunden hat. Am Dienstag ist Vaclav Vorlicek in Prag einem Krebsleiden erlegen. Er wurde 88 Jahre alt.

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