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Kriegsliteratur : Willkommen am Nullpunkt

Wie sieht der Krieg in der Ost-Ukraine aus? Das beschreibt Artem Tschech in seinem Essay (Symbolbild). Bild: dpa

Wie geht es den ukrainischen Soldaten an der Front? Artem Tschech beschreibt Szenen aus dem Alltag der Kämpfer und ist damit die literarische Stimme des Kriegs in der Ost-Ukraine.

          5 Min.

          An einem Maitag rollt ein Bus mit dem munteren Logo „You can dance“ auf einen Truppenübungsplatz in der Provinz. Heraus purzeln zehn Hauptstadtsöhnchen. Das Erste, was sie sehen, sind Haare. „Auf Schritt und Tritt Locken, kurze und lange, schwarze, rote und graue, wie ein Langhaarteppich bedecken sie die Erde. Der Abendwind treibt sie auseinander, sie fliegen über die Zelte wie der Pappelflaum.“ Bald verlieren auch die Neulinge unter den Schermessern ihre Frisuren. Wir sind im Westen der Ukraine, im Hinterland. Die Kiewer Jungs sollen zugerüstet werden, um an der Front im Osten, wo schwerbewaffnete russischsprechende Kämpfer ohne Hoheitszeichen stehen, das Vaterland zu verteidigen.

          Gerhard Gnauck

          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

          Unter den Kiewer Jungs ist einer, der ein paar Bücher geschrieben hat und alsbald die Rolle eines teilnehmenden Beobachters übernimmt. Er hat seine Erlebnisse in einem Bändchen festgehalten, das inzwischen ins Polnische und Englische übersetzt wurde. Im ukrainischen Original trägt es den Titel „Nullpunkt“. Damit wird im militärischen Jargon die Position ganz vorn an der Demarkationslinie bezeichnet, welche die ukrainische Armee von den Kämpfern und ihren separatistischen „Volksrepubliken“ trennt.

          Im Buch bekommt diese Grenze eine neue Bedeutung: Wer dort hingeschickt wird, lässt allen Ballast fahren: „Die beste Zeit, um sich sein Leben als Leben bewusst zu machen und den möglichen Tod als Tod, um abzuwerfen, was überflüssig ist . . .“ Hier „befreit“ sich der Mensch von Gedanken, Gefühlen, Wünschen und wird zu einem „neuen Wesen“. Wer jetzt eine Apologie des Soldatendaseins erwartet oder befürchtet hatte, wird in der nächsten ironischen Wendung sofort eines Besseren belehrt: „Von jetzt an bin ich ein Waldmensch, hoho, ein obdachloser Zigeuner . . . “ – Stunde null.

          Begeisterung für Tschechien

          Der Autor, der das erlebt hat, wurde 1985 geboren und heißt mit bürgerlichem Namen Artem Tscherednyk. Als Kind machte er eine Reise ins westliche Ausland, nach Prag, und da er begeistert zurückkehrte, war er für seine Mitschüler fortan Artem „Tschech“, der Tscheche. 2014 verleibte sich Russland die Krim ein und gab dem politischen Streit in der Ostukraine mit Personal und Material eine militärische Dimension. Artem Tschech wird 2015 einberufen. Die alte Existenz, die er zurücklässt, als er in den Bus steigt, sind Frau und Kind und ein Job in der Werbebranche. Für ihn beginnt ein neuer Lebensabschnitt, von dem niemand wissen kann, ob es nicht der letzte sein würde.

          Artem Tschech auf einem Foto von 2018
          Artem Tschech auf einem Foto von 2018 : Bild: Unian

          Der Ich-Erzähler, dessen Künstlername zum nom de guerre wird, schildert, wie er ein Soldat wird. „Sie bringen uns bei, wie man robbt, sich eingräbt. Wir trainieren intensiv das Rennen. Als sollten wir dort die ganze Zeit vor dem Tod weglaufen oder ihm nachjagen.“

          Bald kommt die Verlegung in die Nähe der Krim, wo in den Sommernächten Zikaden zirpen, schließlich die Stationierung im Osten, bei Popasna. Tschech stellt fest, dass die Front so ausschaue wie in der sowjetischen Weltkriegsliteratur: Erdbehausungen, Bunker, Schützengräben, eine Feldküche. „Irgendwo dort, auf dieser Anhöhe, der Feind. Er ist grundsätzlich niederträchtig, grausam und listig.“ Hier verbringt der Erzähler zehn Monate, tagsüber das Sturmgewehr in der Hand, nachts griffbereit neben dem Schlafsack und das Bajonett unterm Kopfkissen. Denn, so schreibt Tschech, eine der größten Phobien jedes Soldaten sei es, „im eigenen Erdloch getötet zu werden“.

          Tagebuch von der Front

          Der Verlag untertitelt Tschechs Werk als „Essays“; treffender wäre es, von Skizzen oder literarischen Reportagen zu sprechen, die an ein Tagebuch erinnern. In kurzen Szenen, zwei bis vier Seiten lang, werden Aspekte dieses Krieges und des Daseins im Krieg beschrieben. Tschech, der Soziologie studiert hat, horcht in sich hinein, beschreibt sein Sozialverhalten, seine Erschöpfung („Der Schlaf reinigt und setzt dich auf die Werkseinstellung zurück“).

          Er schildert die Typen, neben denen er Dienst tut und die seine Schreibtätigkeit im Erdloch wohlwollend beobachten, in der Hoffnung, dass er auch die „Hohlköpfigkeit der obersten Führung“ aufspießt. Er analysiert, worüber man an der Front spricht: kaum über Gott, eher über Politik, am ehesten über Sex – und dass er fehlt. Wobei sich Tschech mit Kameraden anfreundet, „die dermaßen andere politische Ansichten haben, dass uns nur die Armee vereinen konnte. Und sie hat uns vereint.“ Schon bald ist die Kompanie „wie ein altes Ehepaar, dessen Leben von Alkohol, chronischen Krankheiten und den Angelegenheiten des Lebens zerfressen ist“.

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