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Art Spiegelman : Nichts ist komischer als das Unglück

Bild: Art Spiegelman

Schwer erkrankt, sucht der berühmte Comiczeichner Art Spiegelman bei Samuel Beckett Trost. Und verwandelte „Warten auf Godot“ in eine autobiographische Comic-Fabel.

          3 Min.

          Vor fünf Jahren war Art Spiegelman schwer krank, doch kaum jemand wusste bis vor kurzem davon. Dem berühmtesten lebenden Comiczeichner musste ein Tumor aus dem Kopf entfernt werden, und der damals Vierundsechzigjährige suchte Trost. Dass er als Kind einer jüdischen Familie geboren wurde, weiß die ganze Welt, seit „Maus“ erschienen ist, der Comic über das Schicksal von Spiegelmans polnischen Eltern Anja und Vladek, die Auschwitz überlebten, während ihr erstgeborener Sohn Ryszard bei einer Razzia im Getto starb. „Maus“ erzählt aber auch vom Leben Art Spiegelmans selbst: als nachgeborener Sohn, der mit der Traumatisierung und dem langen Schweigen seiner Eltern durch die Schoa zurechtkommen musste - seine Mutter wählte 1968 den Freitod. Ihr Sohn wurde zum Agnostiker.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Trost durch Religion stand also 2012 nicht bereit für Spiegelman, als er den Tod vor Augen hatte. Also las er Beckett. Und zwar jene Theaterstücke, mit denen ihr Verfasser seinen Ruf als „Meister des Absurden“ begründet hat, vor allem „Warten auf Godot“. Dass nicht nur in diesem Titel Gott versteckt ist, sondern im Stück generell die Fragen der menschlichen Existenz behandelt werden, ist Allgemeingut. Spiegelman aber fand in „Warten auf Godot“ noch mehr. Und weil das, was er darin fand, mit ihm und dem, was er am meisten schätzt, den Comics, zu tun hatte, zeichnete er nun einen Comicstrip über seine Erfahrungen bei der Lektüre von Samuel Beckett. In Amerika ist er im November als „Calling Doctor Godot“ in der „New York Times“ erschienen. Wir zeigen ihn erstmals auf Deutsch: als „Warteschleife bei Dr. Godot“.

          Bilder der Verwirrung

          Becketts beiden Hauptpersonen Wladimir und Estragon („Didi“ und „Gogo“, wie sie sich selbst im Stück ansprechen) gibt Spiegelman die Gestalt von Mutt und Jeff aus dem gleichnamigen Comicstrip, den Bud Fisher 1907 begann und der sich zur erfolgreichsten Serie in der Zeitungsgeschichte entwickeln sollte, bis fast ein halbes Jahrhundert später die „Peanuts“ kamen. Spiegelman erkennt in Fishers Duo die Keimzelle für eine reiche Zahl an Komikerpaaren, denen er auch Wladimir und Estragon zurechnet. In den Sprechblasen der beiden Figuren findet sich ausschließlich Originaldialog aus „Warten auf Godot“ (hier in der von Beckett autorisierten Übersetzung durch Elmar Tophoven), nur die Äußerung im letzten Panel stammt aus „Endspiel“. Die ikonischen Rollen der darin in Mülltonnen auftretenden Nell und Nagg werden bei Spiegelman von Maggie und Jiggs gespielt, den beiden Protagonisten eines weiteren klassischen amerikanischen Comicstrips: „Bringing Up Father“ von George McManus, 1913 begonnen. Da Jiggs der titelgebende Vater in dieser Serie und Maggie seine Frau ist, zudem beide wie Beckett irischer Abstammung sind, passen sie perfekt in die Nebenrollen des älteren Bühnenehepaars aus „Endspiel“.

          Spiegelman entnimmt das Dekor seines Strips den Regieanweisungen Becketts für „Warten auf Godot“: nachts an einem kahlen Baum neben einer Landstraße - eine im wörtlichen Sinne „gottverlassene Gegend“. Details im Hintergrund wechseln aber ständig (zum Beispiel der Topf, in dem der Baum manchmal wurzelt und dann wieder nicht), wie man es aus „Krazy Kat“ von George Herriman, einem von Spiegelmans wichtigsten Vorbildern, kennt. Die daraus resultierende Unsicherheit der Szenerie bildet die Unruhe des Zeichners beim Warten auf die Operation ab. Deshalb wuchert auch Jeff alias Estragon eine Geschwulst aus dem Kopf, die in einer für Spiegelmans Piktogrammatik typischen Spiralform gehalten ist: Zeichen für Verwirrung, Ohnmacht, Chaos. Die physiognomisch ähnliche Gestalt von Jiggs im letzten Bild kann man als den von der Geschwulst befreiten Jeff verstehen. Und durch das Jiggssche Attribut der Zigarre auch als Spott auf den fanatischen Raucher Spiegelman selbst, der nach seiner Erkrankung auf E-Zigaretten umgestiegen ist.

          Mit „Warteschleife bei Dr. Godot“ setzt Spiegelman seine autobiographischen Comicerkundungen fort, die aber anders als der noch mehr als dreihundertseitige Band „Maus“ mittlerweile in einer knappen Form daherkommen, die der Zeichner selbst als „One Page Graphic Novels“ bezeichnet. Seit anderthalb Jahrzehnten schreibt er auf diese Weise die Geschichte seines Lebens fort: zunächst seine Erinnerungen an den 11. September 2001, die in der „Zeit“ abgedruckt wurden, dann Reminiszenzen an die eigene Jugend für die amerikanische Zeitschrift „Virginia Quarterly“, und nunmehr finden sich neue Folgen in großen Abständen in der „New York Times“ oder auch im „New Yorker“, wo vergangenen August die einseitige Episode „Lost“ erschien: eine ins Märchenhafte gekleidete Erinnerung an den Tod der Mutter. Doch so buchstäblich ums eigene Leben wie in „Warteschleife bei Dr. Godot“ ging es bei Art Spiegelman nicht einmal in „Maus“.

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