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„Arnes Nachlass“ im Ersten : November-Elegie nach Siegfried Lenz

Das ist der Waisenjunge Arne Hellmer, den Max Hegewald in aller Weltverlorenheit spielt und dem auf Erden deshalb auch nicht zu helfen ist Bild: NDR

So eindrücklich die Bilder des Kameramannes Hannes Hubach, so zahm und aus der Zeit gefallen ist die Geschichte: Thorsten Schmidt inszeniert „Arnes Nachlass“ nach dem Roman von Siegfried Lenz als melancholisches Melodram.

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          Hannes Hubach sei gerühmt. Vor allem seiner Kamerakunst wegen wird man „Arnes Nachlass“, die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Siegfried Lenz aus dem Jahr 1999, noch eine ganze Weile im Gedächtnis behalten.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Sein Spiel etwa mit der Vielzahl an Blau-, Grün- und (vor allem) Brauntönen bei Interieurs, Landschaften, Kostümen, den Holzpfählen des Hafens oder den Backsteinen der Häuser ist subtil und stilprägend zugleich - es taucht die Szenerie bisweilen in ein anheimelndes Idyll, aber eben auch in herbe Tableaus voller Herbstmelancholie. Surreal anmutende Totalen der Tristesse, Großaufnahmen und Details, die Gesichter wie Gegenstände auf klandestine Art zum Leuchten bringen: Es ist stupend, wie entschieden Hannes Hubach diesen Film prägt - und wie zurückhaltend, wie unaufdringlich seine Bilder dabei gleichwohl wirken.

          Kaum minder eindrücklich sind die Szenenbilder von Hans Zillmann. Ob das Dachzimmer zweier Heranwachsender, die Rückzugshöhle einer (relativ harmlosen) Jugend-Gang, die Kleinbürgerküche einer Hanseatenfamilie oder das Werkstattareal eines kurz vor der Pleite stehenden Miniunternehmers: die Orte, an denen „Arnes Nachlass“ spielt, haben Evidenz und Atmosphäre.

          Ihm ist auf Erden nicht zu helfen

          Und die Geschichte selbst? Zum nun vierten Mal hat der Drehbuchautor Lothar Kurzawa eine literarische Vorlage des mittlerweile siebenundachtzig Jahre alten Gegenwartsklassikers Siegfried Lenz für das Fernsehen adaptiert. Aufs Neue ist er dabei so behutsam wie werktreu verfahren, was wohldosierte Aktualisierungen der eher zeitenthobenen Erzählweise im Spätwerk von Lenz nicht ausschließt - tatsächlich telefonieren die jungen Leute nun mit Handys, gar mit ihren Smartphones, und sie gehen des Nachts in Spielhöllen, um dort zu flippern und Billard zu spielen. Im Gegensatz zum Roman übernimmt im Film auch gleich der wackere Familienvater Harald (Waterkant-Recke Jan Fedder als dauerabonnierter Lenz-Mime) den Part des Erzählers, was die Rolle durchaus nicht zu Unrecht aufwertet.

          Harald und seine Tochter Wiebke (Jan Fedder und Franziska Brandmeier, hinten) schauen ein wenig skeptisch auf Elsa (Suzanne von Borsody) und Arne (Max Hegewald), die am Küchentisch ein ernstes Problem erörtern. Bilderstrecke

          Der mitleidheischende Held aber ist der Waisenjunge Arne (Max Hegewald, weltverloren), der bei Harald und dessen Frau Elsa (Suzanne von Borsody: robust sensibel) Aufnahme findet. Seine Lebensumstände sind tragisch, hat der eigene Vater doch unlängst sich selbst und den Rest der Familie erheblicher Geldsorgen wegen umgebracht. Schon im Roman wird dieser Gewaltakt eher behauptet als beglaubigt, am Beginn des Films wird er nicht minder weichgezeichnet in Szene gesetzt. Obwohl es letztlich jeder in der Gastfamilie gut mit ihm meint, wird Arne auf Erden nicht zu helfen sein, zumal die scheue Liebe, die er zu Haralds Tochter Wiebke (Franziska Brandmeier) hegt, in allerlei Ambivalenzen steckenbleibt.

          Der Regisseur Thorsten Schmidt inszeniert Arnes unaufhaltsamen Abstieg alles in allem rechtschaffen. Eine November-Elegie eben, etwas bieder und besinnlich, für entsprechend empfindsam eingestellte Zuschauer aber durchaus nicht ohne Berührungspotential.

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