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Armstrong und Ullrich : Die Aufsteiger aus Plano und Papendorf

Heldenduell Bild: dpa

Zum Tourstart verfolgen zwei Bücher die Lebenswege Jan Ullrichs und Lance Armstrongs. Beide Werke sind Heiligengeschichten, die an nichts weniger interessiert sind als an Aufklärung.

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          Radsportler sind - unter dem Aspekt der philosophischen Fallhöhe - keinesfalls langweiliger als Fußballer oder Sikläufer, im Gegenteil: Man erwartet mehr von ihnen, weil sie die Leistungsfähigkeit des Körpers am weitesten von allen Athleten ausreizen.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Wer eine Tour (einen Giro d'Italia, eine Spanien-Rundfahrt) zu überstehen vermag, der müßte doch eigentlich gut sein für ein paar Einblicke in das Faszinosum menschlicher Abgründe? Vielleicht braucht ein solches Reflexionsniveau die Reife späterer Jahre, wenn die Erinnerung die Tretmühle in einem anderen Licht erscheinen läßt.

          Vielleicht doch ein Held

          Immer wieder hat er es vergeblich beteuert: Er wolle kein Held sein, hat Jan Ullrich ein ums andere Mal versichert, aber nun am Vorabend seiner nächsten großen Prüfung scheint er es doch wissen zu wollen. "Ganz oder gar nicht" ist seine bei Econ erschienene Lebensbeschreibung betitelt, die der ARD-Sportkoordinator Hagen Boßdorf in Ichform für "Ulle" geschrieben hat. Das Buch kommt gerade rechtzeitig zum Start der Tour de France an diesem Samstag. Aber wie so oft war sein ewiger Konkurrent Lance Armstrong auch auf dem Buchmarkt schon im Frühjahr fit: Die Fortsetzung seiner Memoiren "Tour des Lebens" (2000) erschien im Februar unter dem Titel "Jede Sekunde zählt" bei C. Bertelsmann.

          Zwei Sportheldenleben zur Tour-Begleitung: Kommt es in den nächsten drei Wochen zum erhofften Duell, wird es eine "Große Schleife", die mit Sicherheit Sportgeschichte schreibt. Siegt Armstrong zum sechsten Mal in Folge, wäre er der erste, dem solches gelänge - eine neue Dimension in der Riege der Unsterblichen, die je fünfmal gewannen: Jacques Anquetil, Eddy Merckx, Bernard Hinault, Miguel Induráin. Ullrich war einmal Erster, fünfmal Zweiter.

          Immer in Führung

          Siegt Armstrong, wird sich aber auch die Frage seines Rücktritts wieder stellen und somit die Frage nach dem Horror vacui. Er werde "immer irgend etwas führen, ob nun meine Stiftung, ein Geschäft oder sonstwas", hat er dem früheren britischen Regierungssprecher Alastair Campbell in der Zeitschrift "Procycling" gesagt. So redet einer, der nach dem Motto "Verlieren ist wie sterben" fährt; einer, der den Krebs besiegt hat, aber den Sinn des Lebens nach dem Sport noch nicht gefunden hat - zumindest seine Autobiographie verrät ihn uns nicht.

          Armstrong tut sich nicht nur in Deutschland mit seinen Sympathiewerten schwer gegen Ullrich, weil der zur Winterspeckbildung neigende "Ulle" mehr den menschlichen Faktor mobilisiert als der Perfektionist aus Texas. Daß sich Ullrich häufig verspätet, aber immer wieder auch rechtzeitig, auf Großereignisse vorbereitet, wird in Deutschland mit Sorge verfolgt, aber letztlich verziehen. Sportler der alten Schule bevorzugen freilich Armstrongs klassische Methode, sich durch Rennen auf Rennen vorzubereiten. Da kommt der stahlharte Willens- und Allesüberwinder Armstrong dem nietzscheanischen Überradler schon recht nahe.

          Parallelen der Biographien

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