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Aretha Franklin wird siebzig : Nie liebten wir eine Sängerin wie sie

  • -Aktualisiert am

In der Radio City Music Hall in New York im Februar: Aretha Franklin Bild: Reuters/Shannon Stapleton

Über Aretha Franklin weiß man wenig Persönliches. Dabei ist sie die größte Persönlichkeit des Soul. Zum siebzigsten Geburtstag gibt es jetzt auch auf Deutsch eine lesenswerte Biographie.

          Wenn man es sich recht überlegt, dann ist es bei den Allergrößten der Popmusik nicht unbedingt das Gesamtwerk, das diese so bedeutend und bleibend macht. Oft sind es die genialen Momente oder Phasen. Aretha Franklin hatte davon in ihrer nun schon länger als ein halbes Jahrhundert währenden Karriere verhältnismäßig wenige; die hatten es allerdings in sich. Wohl niemand, der den am 27. Januar 1967 in Muscle Shoals, Alabama, eingespielten Song „I Never Loved A Man (The Way I Love You)“, der dann im März jenes Jahres auf der gleichnamigen Schallplatte bei Atlantic Records erschien, je hörte, wird diesen absolut ungekünstelten, tief erdigen Ausdruck vergessen, der Leiden und Leidenschaft zu gleichen Teilen enthielt, diese schwer seufzenden Atmer und diese dann plötzlich metallisch und machtvoll strahlenden Ausbrüche, die in dieser Makellosigkeit und Sicherheit bis dahin nur vom ernsten Fach her geläufig waren.

          Aretha Franklin hatte in ihrer nun schon länger als ein halbes Jahrhundert währenden Karriere verhältnismäßig wenige geniale Momente oder Phasen; die hatten es allerdings in sich
          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Nicht nur wegen dieses von Ronnie Shannon geschriebenen Liedes mit sadomasochistischen Untertönen, sondern auch wegen des übrigen Materials, vor allem Otis Reddings erst in der hier gebotenen Version so richtig zündendes „Respect“, gilt Aretha Franklins Atlantic-Debüt bis heute als der Beginn und Inbegriff, als Gründungsdokument und Höhepunkt moderner Soulmusik. Das will etwas heißen bei diesem so hybrid gewordenen Genre. Dass ihr diesen Titel auch niemand streitig macht, verdankt sich nicht etwa dem Nachbeten der Zuschreibungen, die ihr seither zuteil wurden: Lady Soul, Sister Soul und, am treffendsten immer noch, Queen of Soul.

          Die Feststellung, der R&B von heute, zu dem der Soul ja gehört, sei ein Hochglanzprodukt, bei dem es auf die Substanz nicht mehr so ankommt, hat automatisch etwas Kulturpessimistisches. Nach Lage der Dinge hätte Aretha Franklin in der heutigen Szene kaum eine Chance. Selbst in ihrer absoluten Glanzzeit, die nach ihren ersten vier Atlantic-Platten 1969 eigentlich schon zu Ende war, schien sie weit davon entfernt, eine perfekte Figur abzugeben. Ihr Biograph Mark Bego erwähnt Retuschen von Plattencover-Fotos, die sonst zu unvorteilhaft ausgesehen hätten.

          Im Mai 1968 während einer Aufnahme zu einer TV-Show in Köln

          Was ihr an Eleganz und Grazilität fehlte, machte sie wett mit einem Vortrag, in dem einer ihrer großen Songs zwangsläufig programmatisch wirkte: „(You Make Me Feel Like) A Natural Woman“. Umso besser konnten ihre Kraft und Autorität zur Geltung kommen. Und umso triftiger ist es, nun, zum siebzigsten Geburtstag der Sängerin an diesem Sonntag, sich dieser rein künstlerischen Kategorien noch einmal zu vergewissern. Mark Bego, der seine 1989 erstmals erschienene Biographie „Aretha Franklin: Queen Of Soul“ aus diesem Anlass noch einmal überarbeitet hat, gibt nun auch den deutschen Lesern den einzig verlässlichen Leitfaden an die Hand: Aretha Franklins Plattenaufnahmen und Konzerte. Etwas anderes wäre bei einer Künstlerin, die über ihr Privatleben keine Auskunft gibt, ohnehin nicht in Frage gekommen - es sei denn, man wollte Gerüchte aus der Klatschpresse aufgreifen -, aber man merkt es Begos Buch eben auch an, dass es ihm rein um die Musik geht.

          Metallisch und machtvoll strahlende Ausbrüche

          Sorgfältig zeichnet er den obligatorischen Gospelhintergrund nach, vor dem auch diese Sängerin groß wurde, das Detroiter Elternhaus um den charismatischen Reverend Clarence L. Franklin, in dem schon das junge Mädchen die Prominenz der Black Music kennenlernte, und die ersten, noch minderjährig gemachten Aufnahmen für Columbia, die aufgrund ihrer unausgegorenen Mischung aus Jazz und Gospel leider als Missverständnis gelten müssen, aber von Bego trotzdem relativ hoch bewertet werden. So gesehen, war es doch ein langer Weg, den Aretha Franklin, die mit vierzehn und sechzehn schon Mutter wurde, zurückzulegen hatte, ehe der Atlantic-Einstand 1967 so fulminant glückte und dann bis 1972 nachglühte, als ihr in einer Getto-Kirche in Los Angeles aufgenommenes Livealbum „Amazing Grace“ herauskam, der in der Sache überflüssige, aber musikalisch grandiose Beweis dafür, dass keine andere Pop-Sängerin so tief im Gospel wurzelte wie sie.

          Die „Queen of Soul“ feiert an diesem Sonntag ihren 70. Geburtstag

          Ihre Atlantic-Zeit, die sich bis 1980 über Gebühr hinzog, bevor Clive Davis von Arista sie sich schnappte, war natürlich ihre wichtigste und wäre nicht denkbar gewesen ohne Jerry Wexler. Was sie ihm verdankt, konnte man immer schon den Plattencovern entnehmen - hier erfährt man anschaulich, dass Wexler sie oft buchstäblich einfach machen und sich ans Klavier setzen ließ, etwas Essbares immer in Reichweite. Andererseits wusste selbst Wexler ihre Lethargie sowie ihre Fress- und Saufanfälle nicht zu verhindern und duldete es, dass sie nach 1970 zu viel ungeeignetes Fremdmaterial aufnahm, bei dem auch Bego Mühe hat, es hochzuschreiben.

          Vor anderthalb Jahren hörte man Beunruhigendes über Aretha Franklins Gesundheitszustand, danach kaum mehr. Hoffen wir das Beste. Als Vermächtnis bleibt, was sie, die sich mit ihren politischen Ansichten immer zurückhielt, über ihren damaligen Kontakt zur Bürgerrechtsbewegung sagte: „Ich glaube, dass die Black Revolution mich und die Mehrheit der Schwarzen zwang, uns selbst genauer zu betrachten. Nicht, dass wir uns vorher geschämt hätten, aber wir fingen nun an, unser natürliches Selbst zu würdigen. Wir verliebten uns sozusagen in uns selbst, so, wie wir waren.“ Diese Zeit ist unwiederbringlich. In Aretha Franklin hat sie ihre einprägsamste weibliche Stimme.

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