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Programmreform der ARD : Es gärt in der Anstalt

Hat einiges vor: Christine Strobl, ARD Programmdirektorin, sitzt auf einem Podium auf den Medientagen Mitteldeutschland. Bild: dpa

Die ARD-Programmdirektion prüft das „Tafelsilber“ im Programm, wagt sich an Sendeplätze und kürzt die Politmagazine. Der Gegenwind weht heftig.

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          Nachdem Christine Strobl am 1. Mai den Posten ihres Vorgängers, des einstigen ARD-Programmdirektors Volker Herres, übernommen hatte, trat sie bescheiden auf. Dabei nimmt sich ihr Auftrag unbescheiden aus: das Programm der ARD ausmisten wie Herkules den Augiasstall und es attraktiv machen für ein junges Publikum. Auf die Frage der Wochenzeitung Die Zeit, wann sie das erste Mal das Gefühl hatte, mächtig zu sein, sagte Strobl: „Wirklich mächtig bin ich bis heute nicht“, und ergänzte: „Aber vielleicht kommt das ja noch.“

          Und so kam es: Strobl, ihr Stellvertreter Florian Hager und der Chefredakteur Oliver Köhr legten Hand an das durch die Gewohnheiten von Millionen Zuschauern und Hunderten öffentlich-rechtlicher Rundfunkredakteure belastete Fernsehprogramm und bekamen mächtig Gegenwind. Es begann mit einem offenen Brief der Autorenverbände VDD und Kontrakt 18, der Anfang Juni bei der neuen Programmdirektorin einschlug. Darin die Forderung, die Zusammenarbeit mit Kreativen möglichst bald an solche Standards anzugleichen, wie sie bei Amazon, Apple oder Netflix üblich seien. Man möge auf Augenhöhe mit Kreativen agieren, mehr Mitbestimmung für Autoren garantieren und veraltete Verfahren ablösen. Sonst gebe es künftig nicht mehr viele jener „unverwechselbaren“ Geschichten, die Strobl so wichtig seien. Erste Stellungnahmen, aber auch weitere offene Briefe folgten.

          Verlegung in die „Todeszone“

          Der nächste Aufschrei, diesmal aus dem eigenen Haus, erreichte Strobl, als ruchbar wurde, dass die ARD-Politmagazine Panorama, Monitor, Kontraste, Fakt, Report Mainz und Report München mit insgesamt 66 statt neunzig Ausgaben im Jahr laufen sollen. Als die Meldung folgte, dass der Weltspiegel von seinem knapp sechzig Jahre alten Sendeplatz, am Sonntag vor der Tagesschau, auf Montag um 22.50 Uhr verschoben werden soll, regte sich abermals Widerstand. In einer Stellungnahme an die Intendanten, Direktoren und den ARD-Chefredakteur protestierten 45 Unterzeichner gegen die Verlegung in die „Todeszone“ (gemeint ist der späte Montagabend) – darunter in erster Linie Korrespondentinnen und Korrespondenten, für deren ausführliche Berichte der Weltspiegel eine Bühne bietet. Die Weltspiegel-Moderatorin Natalie Amiri schrieb auf Twitter: „Ja, manchmal könnte ich vor Wut heulen.“

          Die Süddeutsche Zeitung erkannte nun ein aktuelles „Täter-Profil“, in das sich die Vorgänge einordnen lassen: Demnach werde „das Komplexe, Wertvolle und Teure, Nachhaltige, Denkaufwendige – kurzum: das Öffentlich-Rechtliche“ verdrängt, durch Programme, „die angeblich den Zuschauer besser erreichen als die bisherigen“. Berechtigt bleibt die Frage, was stattdessen zur „Profilschärfung“ auf begehrten Sendeplätzen landet und wie so die ARD-Mediathek gestärkt werden soll. Der Redaktionsleiter des Magazins Monitor, Georg Restle, wetterte auf Twitter gegen die „Kürzung“ der Politmagazine und die „Degradierung“ des Weltspiegels: „Die Pläne der ARD zu Weltspiegel, Politikmagazinen und Dokumentation drohen die ARD in die Trivialisierung zu führen und berauben sie ihres entscheidenden Wettbewerbsvorteils: Seriöse Information, die gesellschaftliche Debatten anstößt – und führt.“

          Nun soll keiner sagen, man sei nicht gewarnt gewesen. Bei ihrem Antritt will Strobl den Intendanten nach Angaben der Zeitschrift Spiegel „klar“ gesagt haben: „Wenn Sie wollen, dass alles bleibt, wie es ist, bin ich die falsche Person.“ Am heutigen Mittwoch berieten nun die ARD-Spitzen über ihre Pläne.

          Axel Weidemann
          Redakteur im Feuilleton.

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