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Fernsehfilm über Beethoven : Wie man für eine Idee brennt

Das war die goldene Zeit eines fesselnd erzählenden, aufwendig ausgestatteten, gründlich recherchierten Fernsehens, das seinen Bildungsauftrag ernst nahm. Einen Beethoven-Mehrteiler gibt es bis heute nicht. Und er wäre, so ist zu erfahren, jetzt auch nicht mehr durchsetzbar. „Dann hätte man gleich auf das Format einer Miniserie gehen müssen“, sagt Ganzert, „und hätte sich sofort in einem ganz anderen Kostenrahmen bewegt.“ Eine gesamteuropäische Leidenschaft der Fernsehanstalten für Beethoven ist dafür nicht mehr zu entfachen. Einzig der ORF hat sich noch zur ARD dazugesellt. „Beethoven? Den kennt doch keiner mehr. Da muss man den Leuten ja erst erklären, wer das war. Damit erreicht man nicht die nötigen Zuschauerzahlen“ – das sei eine weitverbreitete Überzeugung in den Redaktionszimmern, erzählt man hier am Set. Beim WDR wurde das Filmprojekt erst 2017 öffentlich ausgeschrieben; gesendet werden soll der fertige Film 2020. Wenn Niki Stein nicht durch jahrelange Arbeit in Vorleistung gegangen wäre, aus reinem Idealismus, aus persönlicher Begeisterung für Beethoven, so würde es diesen Film nicht in dieser Form geben können.

Für Tobias Moretti entsteht der Film „in einer Zeit, in der sich sowieso alles auflöst“. Der Schauspieler sitzt noch in seinem Kostüm als Ludwig van Beethoven und spricht mit einer Wut über die verachtungswürdige Welt, wie Goethe sie einst Beethoven attestiert hatte: „Vor wenigen Jahren haben noch Menschen Karriere gemacht und einen Machtanspruch begründen können mit einer gewissen bildungsbürgerlichen Kultur und einem Bekenntnis zu gewissen Grundregeln der Zivilgesellschaft. Das hat sich inzwischen völlig verändert. Wenn ich mir das Gebaren heutiger Oligarchen anschaue, so ist das ja unfassbar, welcher Situation wir da begegnen: Plötzlich ist Geld in einem solchen Übermaß separiert von Gesellschaft, von Kultur! Dass die Welt sich in einer Ausschließlichkeit nur noch über das Kapital, die Hochfinanz, die Teilnahme am Konsum definiert, finde ich furchtbar. Und wir setzen nichts dagegen! Deshalb ist es gut, wenn wir einen Beethoven-Film machen. Um der Welt wenigstens ein Quentchen von dem, was uns ausmacht, zurückzugeben.“

Für Moretti ist dieser Film ein kleiner Versuch, unserem Leben eine geschichtliche Tiefe zu schenken, die über die totalitären Verwerfungen des zwanzigsten Jahrhunderts hinausreicht und dadurch unserer eigenen Selbstwertschätzung wieder aufhilft: „Unser Problem ist, dass wir zwischen unserem Aufbruch in die neue, digitale Zeit und der Aufarbeitung des letzten Jahrhunderts steckenbleiben und den Schatz unserer über Jahrhunderte gewachsenen geistigen Vielfalt verlieren. Das macht unseren sogenannt liberalen, sogenannt aufgeklärten und humanitären Geist ankerlos. Was unsere Zeit braucht, ist Haltung. Auch der Zukunft gegenüber.“

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