https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/archiv-des-hasses-in-baden-wuerttemberg-17709193.html

Ausstellung in Stuttgart : Archiv des Hasses

  • -Aktualisiert am

Mit den roten Schuhen erinnerte der Verein „Frauen helfen Frauen“ in einer Aktion an Opfer häuslicher Gewalt. Bild: dpa

Undurchdringlich, giftig, düster: Das Haus der Geschichte in Stuttgart beschäftigt sich mit einem abgründigen Gefühl.

          4 Min.

          Wer bei Gefühlen ansetzt, präsentiert eine alternative Geschichte. Die Ausstellung zum Thema Hass im Haus der Geschichte (HdG) Baden-Württemberg ist der zweite Teil einer Trilogie, die sich den Emotionen Gier (endete im September), Hass und Liebe (die im Oktober 2022 eröffnet wird) widmet – Gefühle, die dem HdG als „gesellschaftlich besonders wirksam“ gelten.

          Statt vom durchrationalisierten Homo oeconomicus erzählt sie in „Hass“ vom Menschen (auch) als Triebwesen, statt von Haupt- und Staatsaktionen von inneren und individuellen Erlebnissen, statt von abstrakten Strukturen lieber von Schmerzen, Verletzungen, Zorn oder Glück. Kurzum: Die Moderne erscheint weniger als kühle und entzauberte Epoche, sondern als leidenschaftlich bewegtes Zeitalter.

          Dieser Ansatz ist in den Wissenschaften gerade en vogue. Es spricht für das HdG, in den drei großen Schauen zu testen, wie sich die Emotionsgeschichte mit Exponaten im Raum darstellen lässt. Mit den Mitteln des Museums fundiert es die Idee, dass Gefühle nicht etwas rein Innerliches, sondern sozial geprägt sind, und dass sie durch die Art und Weise entstehen, wie man sie auslebt und ihnen Ausdruck verleiht. So verstanden, lassen sich an den Spuren der Dinge Handlungen ablesen, die zum Spiegel in die Seele werden.

          Die verkabelten Schuhe

          Die Schützenscheibe, die Johann Friedrich Hezel 1792 nach seiner Wahl in den Rat der Reichsstadt Schwäbisch Hall stiftete, ist so ein Spiegel. Sie ist bemalt mit zerstörten Symbolen der französischen Monarchie, mit abgeschlagenen Köpfen und der roten Freiheitsmütze der Revolutionäre, die eine Kugel durchbohrt hat. Der Hass auf den „Erbfeind“ wird hier physisch greifbar. Ähnliches gilt für die mit Sprengzündern verkabelten Schuhe der islamistischen „Sauerlandgruppe“, die 2007 einen (vereitelten) Anschlag auf US-Soldaten plante, oder für das Holzkreuz, das Mitglieder der Antifa 2019 der AfD-Abgeordneten Christina Baum vor das Haus stellten, versehen mit Schmähungen und der Drohung „gestorben am 31.12.2019“.

          Hass ist für die Kuratoren um Projektleiter Rainer Schimpf eine „verwerfliche Emotion. Wer hasst, lehnt andere so radikal ab, dass er in ihnen keine Menschen mehr sieht.“ Dieses abgründige Gefühl der totalen Negation haben die Gestalter des büroberlin passend mit schwarz-weißen Kontrasten und eckigen Formen inszeniert (analog wird die Liebe rot und rund sein, und die Gier glänzte golden). Der dunkle Ausstellungsraum ist mit dem schwarz lackierten Gestänge eines Baugerüsts vollgestellt, durch das sich ein türkis-grünes Seil zu einem dichten Geflecht windet, das die Blicke versperrt. Hass, wie er sich hier zeigt, ist undurchdringlich, giftig und düster.

          Der Hass und seine Verwandten

          Diesen Grundton greift das inhaltliche Narrativ auf, das den Täter- und Opfergeschichten mit starken Objekten eine ganz eigene Präsenz, Nähe und emotionale Wirkung gibt. Es wurden hervorragende Ensembles von Dingen zusammengetragen, um die Themen pointiert darzustellen. Es sind Geschichten von Hetze gegen Politiker und Wut auf Juden, von Gewalt gegen Frauen und Niedertracht in sozialen Netzwerken, aber auch von Hoffnung und Zuneigung (ein Hinweis auf die nächste Schau zum Thema Liebe). Sie sind Themenfeldern zugeordnet, die den Hass in größere Zusammenhänge rücken, ihn als revolutionär, nationalistisch, rechts- und linksextremistisch, islamistisch, juden-, frauen- oder LSBTTIQ*-feindlich rahmen.

          Weitere Themen

          Mehr Musk wagen

          Hanks Welt : Mehr Musk wagen

          Man kann Elon Musk durchweg unsympathisch finden. Aber ohne die Rastlosigkeit solcher Unternehmertypen würde der Kapitalismus erlahmen – und damit die Quelle unseres Wohlstands.

          Topmeldungen

          Ein Jahr gemeinsam im Regierungsboot: Omid Nouripour, Ricarda Lang, Christian Lindner, Saskia Esken und Lars Klinbeil

          Ein Jahr Ampel : Zweifel und Kritik sind notwendig

          Wenn Fortschritt in der Gesellschaft angenommen werden soll, dann müssen dafür Brücken gebaut und lagerübergreifende Perspektiven eingebunden werden. Ein Gastbeitrag der Vorsitzenden von SPD, FDP und Grünen
          DFB-Direktor Oliver Bierhoff und Bundestrainer Hansi Flick (links)

          WM-Blamage und „One Love“-Farce : Zeit für eine Zäsur im DFB-Team

          Ein Neuanfang im deutschen Fußball ist mit Oliver Bierhoff nicht vorstellbar. Dafür ist zu viel kaputtgegangen. Auch Bundestrainer Hansi Flick hat keine Argumente geliefert, weshalb er bis zur Heim-EM 2024 bleiben sollte.
          Eine Frau steht am Montag vor einem verschlossenen Geschäft in Teheran.

          Generalstreik in Iran : Die Basare bleiben zu

          Am Jahrestag der Niederschlagung der Studentenproteste von 1953 folgen die Händler dem Aufruf der Protestbewegung. Die Abschaffung der Sittenpolizei ändert nichts am Kulturkampf um das Kopftuch.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.