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Architekturpreis für Wang Shu : Neue Welten aus alten Ziegeln

  • -Aktualisiert am

Wang Shus „Ceramic House“ in Jinhua Bild: dapd

Mit ihm hat China einen Architekten, der Tradition und Moderne versöhnt. Er baut mit Bodenhaftung und Recycling. Jetzt wird Wang Shu mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnet.

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          Die Auszeichnung des chinesischen Architekten Wang Shu mit dem Pritzker-Preis ist ambitiös. Von der „Rolle, die China bei der Entwicklung architektonischer Ideale spielen wird“, sprach höflich Thomas J. Pritzker, der Vorsitzende der den Preis vergebenden Hyatt-Stiftung. Man kann es auch ungeschützter sagen: In den letzten Jahrzehnten waren chinesische Architektur und Stadtplanung überwiegend von einer gedankenlosen und zerstörerischen Allerweltsmoderne geprägt, und für das künftige Aussehen der gebauten Welt im Ganzen wird einiges davon abhängen, dass sich das ändert.

          Mark Siemons
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Wang Shu versteht seine meist im öffentlichen Auftrag errichteten Gebäude wie das Geschichtsmuseum von Ningbo oder die Wenzheng-Bibliothek der Universität in Suzhou als „Prototypen“ einer alternativen, auf Natur und Geschichte bezogenen Moderne. „In China haben wir die Tradition verloren, Städte zu bauen und eine Architektur zu schaffen, die ein Teil der Landschaft ist“, sagte er einmal.

          Bauten aus Poesie und Mathematik

          Wangs Überzeugungen bildeten sich auf denkbar untheoretische Weise: Nach seinem Architekturstudium arbeitete der 1963 in Urumqi Geborene zehn Jahre lang auf Baustellen und in verschiedenen Handwerksberufen. So lernte er alte, oft schon vergessene Fertigkeiten und bekam ein Gefühl für „Material“, das, wie er später sagte, menschliche Erfahrung und Erinnerung speichert. 1997 gründete er mit seiner Frau Lu Wenyu in Hangzhou das „Amateur-Architektur-Büro“.

          Viele reden von Nachhaltigkeit, Wang Shu baut sie: Sein Historisches Museum in Ningbo wurde im Jahr 2008 fertiggestellt
          Viele reden von Nachhaltigkeit, Wang Shu baut sie: Sein Historisches Museum in Ningbo wurde im Jahr 2008 fertiggestellt : Bild: Pritzker Architecture Prize

          Der Name ist Programm: Amateur-Architektur bedeutet in China, dass viele Häuser spontan, illegal und provisorisch errichtet werden. Deren deutliche Lebensnähe und Bodenhaftung stellt für Wang ein Beispiel auch für die professionelle Architektur dar: So beobachtete er an der von Taifun-Stürmen heimgesuchten Küste die Menschen, die mangels Zeit und Geldes beim Wiederaufbau ihrer eingestürzten Häuser die Ziegel oft zufällig zusammenfügen. Er selbst verwendet seither häufig recycelte Ziegelsteine und achtet darauf, dass sich deren Komposition seiner Kontrolle zum Teil entzieht. Für die Dächer auf dem Xiangshan-Campus der Kunstakademie von Hangzhou benutzte er mehr als zwei Millionen gerettete Ziegel aus abgerissenen traditionellen Häusern der Provinz.

          Wang hat seine Methode mit der eines traditionellen chinesischen Malers verglichen. Ausführlich studiert er die Stadt, die Lebensbedingungen, die Täler und Berge in der Umgebung. Erst dann fängt er an zu zeichnen und bespricht die Ausführung mit seinen Assistenten. Bei jedem Entwurf gehe es gleichermaßen um „poetisches Denken und Mathematik“. So entstanden Gebäude wie das aus den Baumaterialien der gerade abgerissenen Umgebung errichtete Geschichtsmuseum von Ningbo, die zugleich archaisch und kühn wirken und sich auf überraschende Weise mit der Stadt verbinden. Der mit hunderttausend Dollar dotierte Preis, der seit 1979 jährlich an einen lebenden Architekten geht, wird Wang Shu am 25. Mai in Peking übergeben.

          Er bezieht sich auf „Amateur-Architektur“: der Preisträger Wang Shu im Jahr 2009 in seinem Büro
          Er bezieht sich auf „Amateur-Architektur“: der Preisträger Wang Shu im Jahr 2009 in seinem Büro : Bild: dpa

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