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Architekturdenkmal : Das Hotel "Rossija" in Moskau wird abgerissen

Sozialistische Mammutherberge: das Hotel „Rossija” Bild: Barbara Klemm

Für viele Moskau-Touristen stellt das koffertragende Umschlittern des Hotels "Rossija" ein unvergeßliches Begrüßungserlebnis dar. Jetzt fällt das einst größte Hotel Europas der Abrißbirne zum Opfer.

          Die Moskauer Abrißbirnen, die schon viele Architekturdenkmäler der russischen Hauptstadt niedergelegt haben, holen an diesem Donnerstag aus gegen die neukonstruktivistischen Hotelbauten der sechziger Jahre. Oberbürgermeister Luschkow gab bekannt, daß der in unmittelbarer Nähe des Roten Platzes gelegene Betonkoloß "Rossija" zerstört werden soll, ebenso wie der grazile Hotelkasten "Mir" neben dem Bürgermeisteramt.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Den Anfang der Entsorgung der modernen Sowjetunterkünfte machte das Hochhaus "Intourist", gefolgt von den Mittelklassehotels "Minsk" und "Sport".

          Einst größtes Hotel Europas

          Unter den Hotelbauten des zwanzigsten Jahrhunderts stellt der Abriß des Sandstein-Palasts "Moskwa" in zentraler Lage den zweifellos schwersten Verlust dar. Der Abbruch des "Moskwa", das der Sowjetklassiker Alexej Schtschussew Ende der dreißiger Jahre in italienischer Manier errichtete, wird in diesen Tagen abgeschlossen. Der Bau soll, wie bei russischen Denkmalszerstörungen üblich, durch eine Kopie ersetzt werden. Den jüngeren Hotelkästen hingegen trauert kaum jemand nach.

          Das "Rossija", in den sechziger Jahren als größtes Hotel Europas mit viertausend Betten errichtet, gilt als Bautodsünde seiner Zeit. An seiner Stelle sollte das achte der stalinistischen Zuckerbäckerhochhäuser der unmittelbaren Nachkriegszeit stehen, das aber nicht mehr gebaut wurde. Für den schon bei seiner Konzeption umstrittenen Neubau gab Ende der fünfziger Jahre KP-Chef Chruschtschow grünes Licht mit dem Argument, die aus allen Landesteilen zum Sowjetkongreß anreisenden Delegierten benötigten ein Quartier in Kreml-Nähe.

          Unvergeßliches Begrüßungserlebnis

          Der Entwurf für das "Rossija" stammt von Dmitri Tschetschulin, vormals Zuckerbäckerarchitekt, der die Herberge als gewaltigen, weißverkleideten Kubus gestaltete, gekrönt von einem Mittelturm mit goldenem Dach. Die Gestalt zitiert das altrussische Kirchenbauprinzip des goldüberwölbten weißen Gemäuers in der Sprache der technikgläubigen Moderne. Der Betrieb im "Rossija" war für seine Funktionsschwächen berühmt. Gäste mußten zunächst in der Rezeption an der Nordseite vorsprechen, um dann um das 250 Meter lange Gebäude herum zum richtigen von vier Haupteingängen zu eilen. Ein Durchgang im Innern war nicht vorgesehen.

          Bei rund sieben Monaten Winterwetter im Jahr stellte das koffertragende Umschlittern des "Rossija" für viele Touristen ein unvergeßliches Begrüßungserlebnis dar. Bei Feuersbrünsten im Hotel kamen mindestens vierundvierzig Menschen ums Leben. Der Neubau, für den ein Investor gefunden werden soll, ist als kleineres Hotel mitsamt Einkaufszentrum, Veranstaltungssaal und Tiefgarage geplant. Die Fassade soll die Höhe der umliegenden Baudenkmäler nicht übersteigen und im altmoskowitischen Geschmack stilisiert werden.

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