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Architektur : Schöner Billigwohnen in der "Platte"

  • -Aktualisiert am

Berliner Plattenbausiedlung Bild: Schulten/images.de

Berlin schrumpft. Da gibt es viel zu viel Raum in der „Platte“. Aber man will sie lieber in Lofts verwandeln, als abreißen.

          Über eine Million Wohnungen stehen im Osten Deutschlands leer. Das verursacht nicht nur immense Kosten, sondern verdirbt auch die Mieten. Im vergangenen Jahr startete daher die Bundesregierung das Programm „Stadtumbau Ost“ und zielte damit vor allem auf eine „Reduzierung des Angebotsüberhangs“. Nun fand in Berlin ein öffentliches Architekturgespräch unter dem Vorsitz des Senatsbaudirektors Hans Stimmann statt, das sich dem Thema widmete: „Ästhetik der Platte. Welche Qualitäten bietet der komplexe Wohnungsbau?“

          Während in Schwedt, Leipzig oder Halle-Neustadt der Abriss der in Plattenbauweise gefertigten DDR-Großsiedlungen längst im Gange ist, setzt man in Berlin auf einen anderen Weg. Das überrascht auf den ersten Blick. Denn auch Berlin hat über 110.000 Wohnungen zu viel. Der drastische Rückgang der Geburtenziffern, die Abwanderung infolge verloren gegangener Arbeitsplätze und der von immer mehr Menschen realisierte Traum vom eigenen Heim draußen vor der Stadt verschonten die Hauptstadt keinesfalls.

          Flucht nach vorn aber ohne Giebelchen

          Auch nennt Berlin mit Marzahn, Hohenschönhausen und Hellersdorf die größten Plattenbausiedlungen ihr Eigen. Allein Marzahn kann 62.000 Wohnungen für 165.000 Einwohner vorweisen. Dennoch sträubt man sich gegen den so genannten „Rückbau von Wohnungen“ und setzt lieber auf einen anderen Aspekt des Regierungs-programms: die Aufwertung der „vom Rückbau betroffenen Viertel“. Das mag damit zusammenhängen, so Hans Stimmann, dass man sich in der Hauptstadt schwer tut, das Leitbild der wachsenden Metropole durch das der schrumpfenden Stadt zu ersetzen. Zudem wurden in den letzten Jahren gerade die Plattenbauviertel mit immensen öffentlichen Mitteln gefördert. Da kann man nun schlecht mit dem Abreißen beginnen.

          Diese bisherigen Maßnahmen aber standen in der Kritik, konzentrierten sie sich doch vor allem auf das Äußere der Bauten. Winfried Brenne, Architekt, der mit Sanierungsmaßnahmen in Hellersdorf betraut ist, verteidigte die sorgsam abgestimmte Farbgestaltung der Fassaden. Sie breche die Monotonie der großen Blöcke, indem sie den Außenraum rhythmisiere. Während Brenne sich in der Tradition Bruno Tauts sah, lehnte Wolf-Rüdiger Eisentraut, einst selbst an den Planungen für Marzahn beteiligt, neue Farbfassungen rundweg ab. Die „Verbuntung“ laufe dem Wesen des modernen Bauens zuwider, Putz und Farbe verschleierten die Konstruktionsweise: „Es fehlt nur noch, dass man Giebelchen draufmalt.“

          Saniert ist die „Platte“ salonfähig

          Einigkeit bestand hingegen darin, dass die „Platte“ zu Unrecht auf der Anklagebank sitzt. Sie sei bei den Mietern durchaus beliebt und vermietbar - nur eben nicht im Zustand von 1990. Die Wohnungsbaugesellschaft Hellersdorf, so führte deren Geschäftsführer Rudolf Kujath aus, beklage zwar einen Wohnungsleerstand von 14 Prozent, im Falle der sanierten Gebäude jedoch habe sie lediglich drei Prozent zu vermelden. Man könnte noch mehr vermieten, existierten nur mehr Zweizimmerwohnungen; für die gibt es derzeit Wartelisten.

          So geriet der ursprünglich für Familien konzipierte Wohnungsgrundriss ins Visier. Die Plattenbauweise - und das sei eine ihrer besonderen Vorzüge - ermögliche Eingriffe. Man solle einfach, so Eisentraut, die Gebäude als fertige Rohbauten betrachten, die den Wünschen der Mieter gemäß gestaltet werden. „Flexibilität“ laute das Zauberwort der Zeit. Auch Hans Stimmann sah darin eine Chance: Maisonnette-Wohnungen oder Loftähnlicher Ausbau könnten Singles, die in Berlin immerhin die Hälfte aller Haushalte stellen, in eine Plattenbauwohnung locken.

          Schöner Billigwohnen

          Dass dies wohl nur ein schöner Traum bleiben wird, machte die weitere Diskussion deutlich: Nicht bloß die Finanzierungsfrage solch aufwändiger Umbauten sei ungeklärt - das am Rande des Zahlungsnotstandes balancierende Berlin fährt derzeit alle Förderungen auf Null zurück, auch werde die Tatsache verkannt, dass, so machte die Züricher Journalistin Sieglinde Geisel klar, die heiß begehrten Singles nicht an die Peripherie der Stadt ziehen. Sie selbst vergesse in der gigantischen Schlafstadt Hellersdorf, in Berlin zu sein. Zudem, so sekundierte der Künst-ler Erik Schmidt, laufe die Mauer noch immer entlang der Platte. Im Westen sei das Image der DDR-Siedlungen miserabel, da helfe alle Ästhetik, aller Umbau nichts.

          Als eine Architektin aus dem Publikum bemerkte, die einzige Chance der Plattenbausiedlungen sei es doch, billige Wohnungen zu bieten und das sei doch die ursprüngliche Intention gewesen, nämlich möglichst vielen möglichst komfortable Wohnungen zu bieten, nickten alle ein wenig resigniert mit dem Kopf. Keiner traute sich anzumerken, dass dann wieder anderswo Wohnungsleerstand entstünde.

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