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Architektur in Peking : Sie können auch anders

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Muschelförmig geschwungene Glasfassade

In den bisherigen Kommentaren lag der Hauptakzent darauf, dass jetzt auch China so etwas kann. Der Bau zeige der Welt, sagte sein Chefarchitekt Shao Weiping einer Pekinger Zeitung, „dass lokale chinesische Architekten und Ingenieure ihre Kreativität und Technologie für ein modernes Architekturprojekt nutzen können“. Das betrifft zunächst die Technik: Wie beim CCTV-Gebäude wäre die komplizierte Statik ohne Computer und 3D-Verfahren nicht zu kalkulieren gewesen. Die Größe, der Abstand und der Winkel jedes einzelnen Bauteils wurden digital berechnet. Das „Building Information Modelling“ (B.I.M.) ermöglicht eine Struktur, die sich auch auf einer symbolischen und ökologischen Ebene zeitgenössischen Maßstäben stellen möchte.

Die muschelförmig geschwungene Glasfassade umschließt zwei unterschiedlich hohe Türme und ein dreißig Meter hohes Atrium. Sie lässt Licht herein, verbindet das Innere mit dem Park und der Straße ringsum und reduziert zugleich den Energieverbrauch. Außerdem sammelt sie das Regenwasser, das einen künstlichen Wasserfall im Innenhof speist. Die Bürotürme sind durch Rolltreppen und Rampen verschränkt; als Grundform der vielfältig nach innen und außen gewandten Verbindungen nennen die Architekten das Möbius-Band.

Es zitiert das Logo des Phoenix-Senders, signalisiert Offenheit - und verweist auf die altchinesischen, miteinander verwobenen Grundelemente Yin und Yang. Chefarchitekt Shao Weiping sagt, dass der Bau der taoistischen Philosophie folge, die den Menschen als Teil der Natur betrachte. In ihrem Sinne müsse heutige Architektur mehr auf die Beziehung zur Stadt achten.

Senderechte durch Selbstzensur

Die Verschränkung von Offenheit und Geschlossenheit, die der Bau aufweist, kann man als Spiegel des besonderen Charakters des Bauherrn verstehen. Der private Kabelsender Phoenix TV wurde 1996 in Hongkong von Liu Changde gegründet, der zuvor Offizier der Volksbefreiungsarmee und Redakteur beim Staatsradio war. Phoenix sendet nicht in dem in Hongkong gesprochenen Guangdong-Chinesisch, sondern im hochchinesischen Mandarin und zielt daher weniger auf ein Hongkonger Publikum als auf Zuschauer auf dem Festland und in der chinesischen Diaspora.

Der Standort im eigenständig verwalteten Hongkong erlaubt ein Programm, das nicht den Direktiven der Pekinger Propagandabehörden gehorchen muss. Die Nachrichtensendungen und Talkshows in den mittlerweile fünf Kanälen des Senders haben daher eine Frische, Professionalität und Internationalität, die sich von dem auch ästhetisch eng kontrollierten Staatssender CCTV deutlich abheben.

Zugleich achtet Phoenix TV peinlich genau darauf, Themen, die seinen Zugang zum chinesischen Markt gefährden würden, zu meiden. Auch wenn der Sender kritischer über China berichtet als im Lande üblich, sind zum Beispiel Zwangsabtreibungen, das Tiananmen-Massaker und anderes, was Peking als stabilitätsbedrohend definiert, für ihn tabu. Aufgrund dieser Selbstzensur wurde Phoenix TV, an dem heute auch Murdoch 17,6 Prozent Anteile hat, zum ersten privaten chinesischsprachigen Sender, dem Senderechte in China zugestanden wurden. Er soll mehr als 150 Millionen Zuschauer auf dem Festland haben. Wenn diese paradoxe Mischung aus internationaler Medienwelt und Vernetzung im chinesischen System nun eine futuristische Zentrale in Peking eröffnet, spitzt sich die alte Frage „Wer wen?“ von neuem zu: Welche Sphäre wird die andere auf Dauer aufsaugen?

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