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Architektur in Berlin-Mitte : Das Haus, das keiner wollte

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Schattenspender: Das architektonische Desaster mit der Anschrift Friedrichstraße 140. Bild: Matthias Lüdecke / FAZ

Mitten in Berlin, am sogenannten Spreedreieck, steht ein Gebäude von überwältigender Hässlichkeit. Keiner wollte es so. Trotzdem wurde es gebaut. Wie konnte das geschehen?

          Es steht da jetzt seit mehr als einem Jahr, und sein Anblick ist immer wieder ein Schock: das Gebäude, das zwischen Bahnhof Friedrichstraße und der Spree errichtet wurde, Friedrichstraße 140 ist die Adresse, wegen der Form seines Grundstücks auch Spreedreieck genannt. Der Neubau hat eine der schönsten Hoffnungen begraben, die es für die Architektur der Hauptstadt je gegeben hat. Für eben jenen Ort hatte Ludwig Mies van der Rohe 1921 seinen gläsernen Wolkenkratzer „Wabe“ entworfen, der, obwohl nie gebaut, zu einer Ikone der Moderne wurde, einem der wichtigsten Gedankengebäude des 20. Jahrhunderts.

          Möglicherweise hätte sein „Turmhaus“ in der Realität nie diese Magie entfaltet, die bis heute von der berühmten Skizze ausgeht: ein fast durchscheinend wirkendes Hochhaus sticht darauf messerscharf aus der Ödnis der Friedrichstraße empor, es sieht aus, als sei ein Stück Zukunft in der Vergangenheit abgeworfen worden - tatsächlich war einiges, das Mies hier kühn voraussetzte, damals technisch noch gar nicht machbar, etwa die Glasfassade. Wohl auch deshalb gewann ein anderer Entwurf den ersten Preis. Doch gebaut wurde am Spreedreieck nie. Erst kam die Weltwirtschaftkrise dazwischen, dann der U-Bahnbau zu den Olympischen Spielen, dann der Zweite Weltkrieg; zu DDR-Zeiten befand sich auf dem Gelände eine Grenzübergangsstelle, in der wiedervereinigten Hauptstadt diente es schließlich grasüberwachsen Punks und ihren Hunden als Treffpunkt. Seit 1914 hatte sich die Baulücke gehalten: Alles schien noch möglich. Sogar ein geniales Gebäude.

          Heute steht dort etwas, das aussieht, als sei der Grundriss zwei ineinander verkeilten Currywürsten nachempfunden. Etwas Geschwungenes, Mächtiges, Zahnarztpraxencharme. Es ist tagsüber genauso düster wie nachts, ein dunkler Braunton, der bei strahlendem Sonnenschein in ein dunkles Grau tendiert. Es hat eine geriffelte Fassade, die an ein heruntergezogenes Rollo erinnert, das man aber leider nicht hochziehen kann. Nähert man sich dem Gebäude auf der Friedrichstraße, wirken die Metallverstrebungen (in der Fachsprache sagt man Lisenen) wie eine geschlossene Wand; geben sie im Vorbeigehen den Blick auf die Fenster frei, wirken auch diese kalt und abweisend wie Panzerglas in einer Bank. Das Gebäude ist breit und hoch, aber nicht hoch genug oder zu hoch, jedenfalls stimmen seine Proportionen nicht. Weit vorne an der Straße sitzend, erdrückt es die gesamte Umgebung mit seiner wuchtig dunklen Masse. Obwohl das Erdgeschoss aus Ladengeschäften besteht, die mit ihren großen Schaufenstern wahrscheinlich zum Stehenbleiben und womöglich Hereinkommen einladen sollen, möchte man an diesem Trumm von Haus am liebsten vorbeirennen. Mit geschlossenen Augen.

          Mies van der Rohe: „Entwurf für ein Glashochhaus” am Bahnhof Friedrichstraße, um 1921

          Es ist ein Jammer, eine Tragödie, eine riesige vergebene Chance. Und zugleich eine Geschichte, wie sie berlinerischer nicht sein könnte. Denn: Niemand ist glücklich mit dem Gebäude, wie es heute steht. Nicht der Investor, der es gebaut hat und dem es gehört. Nicht der Architekt, der sich enttäuscht äußerte, bevor er noch während der Bauzeit tragischerweise einen frühen Krebstod starb. Und nicht die Politik, die in dieser Geschichte an erschreckend vielen Punkten total versagte.

          Ganz schön peinlich

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