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Architektur der Zukunft : Das kommt uns nicht mehr auf den Tisch!

  • -Aktualisiert am

Seit 1986 bedrängt von postmodernen Großbauten: der Frankfurter Domturm, einst die Dominante der Altstadt Bild: picture-alliance/ dpa

Schneller, greller, individueller: Nach diesem Motto bauen Städte. Unter die Räder geraten dabei der architektonische Anstand, die Gesamtgestalt und inzwischen auch Baukünstler, deren Werke, gestern noch gelobt, heute dem Kommerz im Weg stehen.

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          Als Gastredner eines Symposions kehrte kürzlich Vittorio Magnago Lampugnani, vor Jahren Direktor des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt am Main, für einen Tag an seine frühere Wirkungsstätte zurück. Thema war „die neue Urbanität unserer Städte“. Eine Randbemerkung Lampugnanis löste Zwischenapplaus aus: Er, der einst mit der Forderung, neue Architektur müsse erkennbare „Inseln im Strom der Zeit“ schaffen, Anstoß erregt hatte, erntete spontane Zustimmung, als er sagte, nur „Architektur mit Anstand“ sei auf Dauer akzeptabel.

          Die Frage, was anständige Architektur ist, beschäftigt nun in Frankfurt sogar Juristen. Initiator ist die Saalgasse, ein Straßenzug zwischen Dom und Römer. 1986 war dort im Versuch, die zerstörte gotische Altstadt atmosphärisch anklingen zu lassen, eine postmoderne Reihe giebelständiger Stadthäuser entstanden. Das spektakulärste, das mit dickbäuchigen Skulpturen à la „Shrek“ gezierte „Haus zum Einhorn“, steht nun im Zentrum eines Streits um Anstand, Geschmack und Baukunst. Auslöser war ein Umbau an der Rückfront: Wegen Feuchtschäden war dort ein gotisierender Treppenturm aus Glasbausteinen durch einen gläsernen Halbzylinder ersetzt worden. Weil man nun aus der nahen Galerie „Kulturschirn“ jeden Schritt der Bewohner beobachten kann, ließen diese sich vom Architekten des Hauses und des Umbaus, Wolfgang Rang, einen Sichtschutz entwerfen, eine luzide Bandage aus Aluminiumstreifen. Das veranlasste einen Anwohner, gegen die Stadt als ursprünglichen Bauträger zu klagen.

          Urheberrecht als Drohung

          Was Hausbesitzer und Architekt eine „urbane Jalousie“ nennen, bezeichnet der Kläger als „Verunstaltung“. Das Verwaltungsgericht befand, salomonisch beiden Seiten recht gebend, dass die „Jalousie“ einer Baugenehmigung bedürfe, bekräftigte aber auch, das Vorhaben sei nicht rechtswidrig. Dann erklärte der Richter, es sei nicht Aufgabe der Justiz, „dem ästhetischen Empfinden Einzelner Vorrang vor dem ästhetischen Empfinden anderer einzuräumen“, und wusch, wie einst Pontius Pilatus, seine Hände in Unschuld.

          Der Kläger will nun, bestärkt von Nachbarn, die eine Wertminderung ihrer Häuser fürchten, zivilrechtlich vorgehen. Dasselbe droht der Architekt Dietrich Bangert in einem Fall an, der gleichfalls Frankfurts Stadtkern betrifft. Es geht um die Kulturschirn, ein weiteres Hauptwerk der Postmoderne in Frankfurt. Teile des Riesenbaus, insbesondere ein freistehendes Vierstützengebilde aus Beton, behindern die Rekonstruktion eines Altstadtviertels auf dem Gelände des benachbarten, zum Abriss vorgesehenen Technischen Rathauses von 1972.

          Den Vorschlag, das allgemein ungeliebte Vierstützenwerk ebenfalls niederzulegen, beantwortete sein Schöpfer Bangert mit der Drohung, seine „Urheberrechte mit Vehemenz (vor Gericht) zu verteidigen“. Dem Architekten ist das abfällig „Tisch“ titulierte Gebilde noch immer, als was er es 1986 bezeichnete: Zitat des griechischen Megaron, des „Urbaus“ der abendländischen Baukunst.

          Das denkfaule Klischee vom Geschmack

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