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Architektur : Berlin: Verlockungen für Anhänger des Bau-Visionärs Mies van der Rohe

  • -Aktualisiert am

Die Neue Nationalgalerie, Ludwig Mies van der Rohes berühmter letzter Bau Bild: AP

Die Berliner Jahre des berühmten Architekten Ludwig Mies van der Rohe werden in einer Ausstellung im Alten Museum in Berlin vorgestellt.

          2 Min.

          Ein riesiger, dreiteiliger Turm mit komplett verglaster Fassade - so stellte sich der Architekt Mies van der Rohe 1921 die Bebauung des Spreeufers an der Berliner Friedrichstraße vor. Mit seinem kühnen Entwurf beteiligte sich der 35-jährige Wahlberliner an einem Wettbewerb zur Gestaltung jenes Platzes, auf dem heute der „Tränenpalast“ steht. Im Ergebnis sollte eines der ersten Hochhäuser in Deutschland entstehen. Zwar wurde der spitz zulaufende, wie ein scharfkantiger Kristall wirkende Bau Mies van der Rohes nicht realisiert. Heutige Berlin-Besucher aber werden ganz Ähnliches im Stadtbild finden - etwa am Potsdamer Platz mit seiner „gläsernen Architektur“.

          Wie groß der Einfluss des gebürtigen Aacheners, späteren Bauhausdirektors und Amerika-Emigranten auf die bauliche Gestaltung Berlins war, dokumentiert jetzt erstmals umfassend eine Ausstellung. Vom 15. Dezember bis 10. März ist sie unter dem Titel „Mies van der Rohe. Die Berliner Jahre 1907-1938“ in Schinkels Altem Museum in Berlin zu sehen. „Gemacht“ wurde die Präsentation, sicher ein Muss für alle Architekturinteressierten, vom Museum of Modern Art (Moma) in New York. Dort war sie im Sommer auch zuerst zu sehen.

          Ständige Auseinandersetzung mit der großen Berliner Tradition

          Moma-Chefkurator Terence Riley sagt, Mies sei "ein Berliner Architekt" gewesen, "und dies wollte er mehr als alles andere sein". Auch der Generaldirektor der Staatlichen Museen, Peter-Klaus Schuster, verweist darauf, dass Mies' Werk "in ständiger Auseinandersetzung mit der großen Berliner Tradition, vor allem mit dem Architekturerneuerer Schinkel", entstanden sei.

          Die Schau präsentiert rund 300 Arbeiten aus den ersten drei Jahrzehnten der Arbeit des Architekten - Zeichnungen, Modelle, Fotografien - und geht chronologisch vor: Von den Wohnhäusern in Berlin und Potsdam, die Mies vor dem Ersten Weltkrieg entwarf, geht es in die 20er Jahre, die ihn zum Klassiker der Moderne und Vertreter des "International Style" werden ließen. Spektakuläre, aber nicht ausgeführte gläserne Hochhausentwürfe, wie jenen für die Berliner Friedrichstraße, die großzügig angelegte Stuttgarter Weißenhofsiedlung aus dem Jahr 1927, Villen und Landhäuser, in denen er die festgefügte Raumgliederung auflöste, bestimmen diese Zeit.

          1926 schuf Mies ein Denkmal für die ermordeten Arbeiterführer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, das in Berlin-Lichtenberg aufgestellt, später aber von den Nationalsozialisten zerstört wurde.

          Marksteine der Moderne

          Ein Glanzpunkt wurde der Deutsche Pavillon auf der Weltausstellung 1929 in Barcelona, der ein neues, demokratisches Deutschland veranschaulichen wollte und vielfältige Raumerlebnisse bot. Das Gebäude wurde 1930 abgerissen, aber wegen seiner großen Wirkung auf die Architekturgeschichte 1986 komplett rekonstruiert. Als Markstein der Moderne gilt auch die Villa Tugendhat im tschechischen Brno. Diesen Ende der 20er Jahre entwickelten Skelettbau versah Mies mit versenkbaren Fenstern, was die Grenze zwischen Innen und Außen verschwinden ließ.

          Mies, der 1930 Direktor des Bauhauses in Dessau wurde und der Schule bis zu deren Selbstauflösung 1933 vorstand, emigrierte 1938 in die USA. Letztes für Deutschland geplantes Projekt war ein Verwaltungsgebäude für die Vereinigten Seidenwebereien in Krefeld. Nach Berlin zurückgeholt wurde Mies in den 60er Jahren: 1962 entwarf er die Neue Nationalgalerie. Das 1968 eröffnete Haus am Kulturforum, eine lichtdurchflutete Konstruktion aus Beton, Stahl und Glas, wurde zu seinem Vermächtnis: Es blieb das letzte zu Lebzeiten des Künstlers realisierte Projekt.

          "So viel Mies war nie in Berlin"

          Die Ausstellung im Alten Museum ist Teil einer umfangreichen "Heimholung" Mies van der Rohes. "So viel Mies war nie in Berlin", sagt Peter-Klaus Schuster. Tatsächlich sind dem großen Erneuerer der Baukunst noch zwei weitere Präsentationen gewidmet. Während das Bauhaus-Archiv die Jahre Mies van der Rohes als Direktor des Bauhauses in Dessau dokumentiert, widmet sich das Vitra Design Museum dem Bereich „Möbel und Bauten in Stuttgart, Barcelona, Brno“.

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