https://www.faz.net/-gqz-2u3o

Architektur : Baumeister + Flugzeugsoftware = Blob, oder?

  • -Aktualisiert am

Vielfach nur Idee am Computer: „Blobarchitecture” Bild: ABB / Bernhard Franken

Das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt feiert die Helden einer angeblich neuen Architekturära - der „Blobarchitecture“.

          2 Min.

          Neudeutsch heißt dieses New Kid in Town kurz und bündig „Blobarchitecture“. Blob sei Pop, höhnen die Kritiker. Seriöse Feuilletonisten schreiben vom Biomorphismus, und tatsächlich erinnern viele neue Architektur-Animationen, die alle von Hochleistungsrechnern stammen, an den Bauplan menschlicher und anderer Organismen.

          Der Computer ist es, dem dabei die Schlüsselrolle zukommt. Denn nur er und eine aufwändige Software, die meist aus der Flugzeugindustrie übernommen wird, lässt diese Blob-Architekturen auf dem Bildschirm zur virtuellen Realität werden. Erst der Computer schafft die Rechen- und Konstruktionsformeln, nach denen diese freien Formen wirklich gebaut werden können. Folgerichtig heißt die Ausstellung des Frankfurter Deutschen Architekturmuseums (DAM), die zum ersten Mal diese ursprünglich amerikanische Bewegung im größeren Stil nach Deutschland trägt „Digital - Real: Blobmaster, erste gebaute Projekte“.

          Bislang nur wenige gebaute Projekte

          Leider - und das ist mit ganz heißen, neuen Trends und entsprechenden Ausstellungen öfter so -, geht dabei einiges durcheinander. Die Museumsleute würfeln alles zusammen, was nur irgendwie nach freier Form aussieht. Da werden weltweite Bauten des Altmeisters Frank O. Gehry ebenso vereinnahmt wie der sieben Jahre alte, walfischförmige Dachaufbau des Holländers Erick van Egeraat in Budapest. Der Grund ist schlicht: Es gibt noch nicht sehr viel gebaute Projekte. Vielleicht wird es sie auch nie geben, weil sich viele dieser Gebilde in einem Eigenleben auf dem Screen genügen.

          Bernhard Franken, Frankfurter Messegelände
          Bernhard Franken, Frankfurter Messegelände : Bild: ABB / Bernhard Franken

          „Ich muss gar nicht bauen“, sagt der New Yorker Architekt Hani Raschid dazu. Seine Kollegen allerdings warnen davor, ihre Architektur nur formal zu betrachten. Denn freie organische Formen am Bau existieren als Antiprogramm zur Rechteckmoderne schon seit mehr als 80 Jahren. Spätestens seit Frei Ottos Bauten aus den 60er und 70er Jahren, die an den menschlichen Fötus, Korallen, Spinnennetze oder Vogelnester erinnern, gehört die freie Form zur Geschichte der Architektur.

          Der passende Stil fürs Gen-Zeitalter

          Der Kalifornier Greg Lynn, der sich theoretisch und literarisch als Protagonist dieser Bewegung erwiesen hat, definiert den „Blob“ dann folgerichtig nicht über seine rundlichen freien Formen, sondern feinsinniger als „Ding, das weder singulär noch vielfach ist, sondern eine Intelligenz besitzt, die sich verhält, als ob sie singulär und vernetzt ist, aber in ihrer Form virtuell unendlich vervielfältigt und verbreitet werden kann“.

          Der Architekt und sein gehorsamer Zauberlehrling Computer erscheinen also als autistische Schöpfer eines Stils für das aufkommene Gen-Zeitalter: „Generic“ ist entsprechend das Zauberwort, das hundertfach in den entsprechenden Vorträgen vorkommt.

          Die Frankfurter Ausstellung und ihr gleichnamiges Symposium kochen ein dünneres Süppchen. Das zeigt sich beispielsweise an einem Projekt, das dort vorgestellt und zur Zeit auf dem Frankfurter Messegelände für die IAA aufgebaut wird. Dessen junger, agiler Architekt Bernhard Franken hat das Vokabular voll drauf, redet von „Dynaform, Dynafloor und Dynagate“; von „Form follows Forces“, womit er seine Dellen in der Außenhaut des neuen BMW-Pavillons erklärt.

          Blobarchitektur - Des Kaisers neue Kleider

          Dort wird im September der neue BMW-7er präsentiert. Ein starkes Auto, dass zum Stillstand verurteilt ist. Also muss „die Architektur fließen!“ Franken sagt selbst, er baue Objekte, keine Bauwerke. Und das stimmt: Dynaform und Dynagate sind Bestandteile eines schönen, fliegenden Messebaus. Mehr nicht. Und die gab es schon immer in prächtigsten Formen - auch ohne Computer.

          Also ist die Blobarchitektur vielleicht doch keine Revolution? Der Verdacht liegt nahe, dass sie nur des Kaisers neue Kleider darstellt.

          Weitere Themen

          Israelis feiern Netanjahus Abgang Video-Seite öffnen

          Neue Regierung : Israelis feiern Netanjahus Abgang

          In Israel ist Ministerpräsident Benjamin Netanjahu nach zwölf Jahren im Amt von einer neuen Regierungskoalition abgelöst worden. Viele Menschen feierten den Machtwechsel auf der Straße.

          Topmeldungen

          Guten Tag! Joe Biden und Wladimir Putin geben sich in Genf die Hand.

          Gipfel mit Biden und Putin : Monologe zum Dialog

          Joe Biden und Wladimir Putin finden einige freundliche Worte füreinander. Inhaltlich aber gibt es in Genf keine Annäherung. Jetzt sollen Arbeitsgruppen weitersehen.
          Jerome Powell, Vorsitzender der US-Notenbank Fed

          US-Notenbank : Fed hält trotz Inflationssorgen am Niedrigzins fest

          Die amerikanische Notenbank hat ihre sehr lockere Geldpolitik bestätigt. Der Leitzins bleibe in der Spanne von null bis 0,25 Prozent. Allerdings rechnet die Fed für das Jahr 2023 mit einer ersten Anhebung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.