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Architektur : Alt ist gut

  • -Aktualisiert am

Ist das Chilehaus in Hamburg schon oder noch modern? Bild: Picture-Alliance

Eine Umfrage hat ergeben, dass Deutsche nichts von „moderner“ Architektur halten. Das war schon immer so. Der Schock von heute ist die Identität von morgen.

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          Eine Forsa-Umfrage hat ergeben, dass moderne Architektur in Deutschland für historische Bauten kaum eine Konkurrenz ist. „Nur sechzehn Prozent der Bürger sind der Auffassung, dass viele aktuelle Bauwerke aufgrund ihrer architektonischen Qualität oder Bedeutung noch in fünfzig oder hundert Jahren geschätzt werden.“ Nun gibt es gute Gründe, große Teile dessen, was gerade gebaut wird, für eine Katastrophe zu halten – vor allem das, was ohne Architekten und unter dem Gesichtspunkt ökonomischer Gewinnmaximierung in die Gegend gestellt wird.

          Wer einmal gegenüber eines mit Wärmedämmputz verpackten Wohnblocks im Münchner Norden einen Tag verbringen musste, wird das Hämmern des Spechts, der erfreut zahllose Löcher in die Dämmung hackt, nicht mehr vergessen, und auch nicht, wie so eine Fassade nach wenigen Jahren aussieht. Und weil die natürliche Luftzirkulation in diesen Häusern nicht mehr funktioniert, muss mit erheblichem Aufwand eine „kontrollierte Wohnraumlüftung“ künstlich generiert werden.

          Reißt Schinkel nieder!

          Diese im Namen ökologischer Verantwortlichkeit antretende Un-Architektur hat es geschafft, sogar Wände zu Wegwerfartikeln zu machen; eine Wand hält heute nicht länger als ein Auto. Kein Wunder, dass dieser Architektur niemand eine lange Lebensdauer einräumt. Aber darum ging es der Umfrage nicht. Sie greift weiter: „Rund drei Viertel gaben an, dass ihnen etwas fehlen würde, gäbe es in der eigenen Stadt fast nur noch neuere und moderne Gebäude.“ Doch was genau wird hier als „moderne“ Architektur bezeichnet?

          Ist nur das aktuelle Bauen gemeint oder auch die klassische Moderne des Bauhaus oder Fritz Högers Chile-Haus, also Architektur, die bald hundert Jahre alt und damit eigentlich schon historisch ist? „In der Umfrage“, erfährt man, „wurden Bauwerke nicht vorgegeben oder genannt.“ So ist nicht zu erfahren, worüber eigentlich gesprochen wird. Meint Forsa mit „modern“ eine Ästhetik des Kalt-Funktionalen?

          Die Moderne liefert viele Gegenbeispiele zu dieser Definition. Der Aussagewert der Umfrage geht gegen Null. Und: Es hat immer eine Zeit gedauert, bis Architektur als wertvoll anerkannt wurde. Ein großer Teil der Pariser wollte den Eiffelturm nicht haben, erst nach ein paar Jahren hatte man sich an ihn gewöhnt und begann, stolz auf ihn zu sein. Das Gleiche passierte mit dem Centre Pompidou.

          Der Schock von heute ist die Identität von morgen – wenn er nicht vorher abgerissen wird. Als der Berliner Stadtbaurat Ludwig Hoffmann 1896 seinen Posten antrat, kritisierte er die Kälte und Uniformität vieler Schinkel-Bauten und forderte mehr plastische Sinnlichkeit. Viele private Schinkel-Bauten wurden abgerissen und durch den Berliner Neobarock ersetzt – der den Kritikern des Jugendstils und der zwanziger Jahre kurz danach wiederum als Orgie der Geschmacklosigkeit erschien. So hätte man zu jeder Zeit bei einer Umfrage, was von der jüngsten Architektur zu halten ist, die Antwort bekommen: nichts.

          Niklas Maak
          Redakteur im Feuilleton.

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