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Architektengespräch : Berliner Schloss: Neubau ja, aber keine Rekonstruktion

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Carsten Gerhards, von gerhards glücker architekten Bild: Carsten Gerhards

Carsten Gerhards: "Ich finde auf dem Niveau 'Barock versus Pop' sollte man nicht diskutieren"

          5 Min.

          In der Reihe der Berliner Architektengespräche über die zukünftige Gestaltung des Schlossplatzes, hat FAZ.NET mit Carsten Gerhards gesprochen. Er meint, man solle bauen, aber nicht eine Rekonstruktion sondern einen zeitgenössischen Bau im Bewusstsein und im Geist der Geschichte des Ortes.

          Carsten Gerhards wurde 1966 in Bonn geboren. Von 1989 bis 1991 studierte er Architektur an der RWTH in Aachen und an der Bartlett School of Architecture in London. Gerhards hat unter anderen in den Büros von Joachim Schürmann und David Chipperfield gearbeitet. Für den Masterplan der Berliner Museumsinsel hatte er im Büro David Chipperfield bis 2000 die Projektleitung inne. Noch im selben Jahr gründete er zusammen mit Andreas Glücker ein eigenes Büro "gerhards glücker architekten" in Berlin.

          Herr Gerhards, wie stehen Sie zu den Empfehlungen, die die Expertenkommission "Historische Mitte Berlin" ausgesprochen hat?

          Ich finde auf dem Niveau „Barock versus Pop“ sollte man nicht über eine so wichtige Frage diskutieren. Wir haben im Büro ausführlich über die Schlossplatzgestaltung diskutiert. Es bestehen ziemlich viele Vorurteile. Wir plädieren dafür, dass die ganze Diskussion etwas entideologisiert wird.

          Ihr Vorschlag?

          Ich würde das Ganze gern wie einen Entwurfsworkshop angehen. Bevor man den Bleistift in die Hand nimmt, stellt man erst einmal eine Analyse an. Auf drei Ebenen möchte ich die Diskussion führen: Die Stadt, die Nutzung und die Form. Wobei die Form sehr eng mit unserem Verhältnis zur Geschichte verknüpft ist.

          Wenn ich "Stadt" sage, meine ich erst einmal die historische Bedeutungsebene. Die Spreeinsel bildet den städtebaulichen Höhepunkt Berlins, seine Ost-West Achse.

          Können Sie das noch etwas ausführen?

          Nach Norden erstreckt sich die Museumsinsel. Nach Süden der ehemalige Schlossplatz. An diesem Ort waren alle staatstragenden Kräfte vorhanden. Das war ein konstruierter Ort, ein geistiger Ort: Der König mit dem Schloss, die Kirche mit dem Dom, das Militär mit dem Zeughaus und der Wache, die Kultur mit dem Alten Museum und die Wissenschaft mit der Universität. Dieses Gewicht hat sich jetzt verschoben. Die politischen Institutionen sind rausgewandert vor die Tore der Stadt, in die Nähe des Reichstags. In der Mitte Berlins klafft jetzt ein institutionelles Vakuum.

          Und die Kultur hat sich auf die Museumsinsel begeben?

          Ich habe im Büro von David Chipperfield den Masterplan gemacht und da ging es nicht nur um die Museumsinsel an sich, sondern auch um das städtebauliche Umfeld. Damals haben wir auch alle kulturellen und wissenschaftlichen Institutionen untersucht, die an diesem Ort liegen. Das heißt die ganze Straße „Unter den Linden“ ist ja eine Aneinanderreihung wissenschaftlicher und kultureller Einrichtungen. Das Deutsche Historische Museum, die Staatsoper usw.. Dort, wo früher die politischen Institutionen waren, sind heute die kulturellen.

          Die Bedeutungsebenen haben sich in der Stadt verschoben. Nun besteht Berlin aus mehreren Zentren, aber hier liegt die höchste Bedeutungsdichte.

          Was ziehen Sie für einen Schluss in Bezug auf das Schloss daraus?

          Ich schließe daraus eine Nutzung, ein Programm für diesen Ort. Die Frage ist doch: was kann diese ehemals politische Mitte ersetzen? Das kann eigentlich nur eine Maximierung der Urbanität sein. Das darf jedenfalls nicht ein kommerzieller Ort werden.

          Was meinen Sie mit Maximierung der Urbanität?

          Damit meine ich, und insoweit kann ich den Vorschlägen der Kommission durchaus folgen, die Ansiedlung von kulturellen und wissenschaftlichen Einrichtungen. Der Name "Humboldt Forum" ist ja schon gefallen. Das halte ich für eine gute Idee.

          Man soll Wissenschaft und Kultur also eine öffentliche Plattform schaffen?

          Richtig. Und das meine ich nicht formal. Alle sprechen eigentlich die ganze Zeit nur über die Fassade. Das ist wie ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Nach dem Motto: wen finden Sie besser? Jenny Elvers oder Ariane Sommer? So kommt man nicht weiter, es sei denn, man diskutiert über Inhalte.

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