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Meinhard von Gerkan gestorben : Menschenfreund aus Riga

Der Architekt Meinhard von Gerkan (1935 bis 2022). Bild: Daniel Pilar

Er hat die deutsche Architektur der Welt geöffnet und prägte eine ganze Generation. Ein Nachruf zum Tod Meinhard von Gerkans.

          3 Min.

          Man kann nicht über Meinhard von Gerkan schreiben, ohne noch einmal die Geschichte zu erzählen, wie es kam, dass in Berlin einer der besten Flughäfen der Welt gebaut werden konnte – und zwar von einem Architekturbüro, dessen Gründer als viel zu jung und unerfahren galten, um ein solches Projekt zu stemmen. Meinhard von Gerkan und sein Büropartner Volkwin Marg hatten 1965, mit gerade einmal dreißig Jahren, ihr Büro gmp gegründet, sie hatten am Wettbewerb für den Berliner Flughafen Tegel teilgenommen und gewonnen; als die Prüfungskommission anreiste, trommelten sie all ihre Freunde zusammen, setzen eine Freundin mit einer Schreibmaschine in eine Kammer und täuschten erfolgreich ein genügend großes Büro vor. Der Flughafen wurde gebaut – und machte von Gerkan schlagartig auch international berühmt.

          Niklas Maak
          Redakteur im Feuilleton.

          Tegel war ein Drive-In-Airport: Alle Flugsteige waren um ein Sechseck herum arrangiert, man fuhr mit dem Taxi direkt vor sein Gate. Vom Parkplatz durch die dezentrale, direkte Abfertigung bis ins Flugzeug dauerte es oft nur fünf Minuten. Schneller kam man nie wieder zu seinem Flug. Der Flughafen führte von Gerkans Denken vor: Durch die Anwendung eines geometrischen Ordnungsprinzips – hier ein Dreiecksraster, auf dem auch alle anderen Elemente des Flughafens von den Decken bis zu den Möbeln basierte – entstand größtmögliche Freiheit.

          Im Jahr 1974 eröffnet: Terminal des Flughafens Berlin-Tegel. Bilderstrecke
          Ein Architekt in der Welt : Bedeutende Projekte von Meinhard von Gerkan (1935 bis 2022)

          In den darauffolgenden Jahren wuchs gmp zu einem der größten deutschen Büros mit heute rund 600 Mitarbeitern – und von Gerkan selbst als Essayist zu einem profilierten Kritiker einer zu dogmatischen Moderne heran. Statt „Signature Architecture“ über den Städten abzuwerfen, fügte er seine Bauten – etwa das backsteinerne Hamburger Hanseviertel – klug in den bestehenden Kontext ein. Es entstanden in Hamburg und Stuttgart weitere Flughäfen, deren Abfertigungshallen mit ihren scheinbar abhebenden Dächern auch Bilder der Freude am Aufbruch waren, genauso wie man in von Gerkans Westbahnhof von Tianjin das Gefühl hat, nicht nur in einer chinesischen Hafenstadt, sondern in der Zukunft anzukommen.

          Seit der Jahrtausendwende engagierte sich von Gerkan vermehrt in Asien und wurde so zu einem der ersten global tätigen deutschen Architekten. Bemerkenswert ist seine Planstadt Nanhui New City bei Shanghai: Sie entfaltet sich in Ringen um einen im Durchmesser drei Kilometer großen See, dessen Strände von Gerkan als „endlose Copacabana“ bezeichnete. Die bereits auf 800 000 Einwohner angewachsene Stadt gilt mit ihren vielen Grünflächen und kurzen Wegen als Vorbild für die sich rasant verdichtenden Ballungsräume Asiens; man kommt schnell zu allen öffentlichen Einrichtungen, Schulen und Freizeit-Orten, der Geist von Tegel wurde hier zu einer ganzen Stadt. Die „endlose Copacabana“ ist auch ein Bild für den menschenfreundlichen Charakter und den sozialen Anspruch der Architektur von Gerkans: Wie in Rio de Janeiro soll sich am Strand die Bevölkerung jenseits aller Einkommensunterschiede und Herkünfte heiter mischen.

          Das erste Büro des globalen Deutschlands

          Von Gerkan, 1935 in Riga geboren, hatte keine unbeschwerte Kindheit. Sein Vater fiel im Krieg, seine Mutter starb kurz nach der Flucht. Der Architekt wuchs als Pflegekind bei Hamburg auf, studierte erst Jura und Physik und schließlich Architektur. Dass sein Büro als eines der ersten wirklich globalen Deutschlands gelten kann, liegt nicht allein an der Zahl der außereuropäischen Projekte, sondern auch an den feinen Echos verschiedenster Kulturen und Stile, die man in etlichen Bauten des Büros findet: Anklänge der tropischen Moderne im Berliner Tempodrom; das Konzentrierte asiatischer Tempel im demontablen Christus-Pavillon auf der Expo 2000; das Motiv weit auskragender Tempeldächer in der spektakulären, umgekehrten Pyramide des Hanoi Museums, deren weite Auskragungen für Schatten sorgen und so den Energieverbrauch senken. In seinem Vogelbeobachtungsturm auf dem Graswarder findet man Echos des Strukturalismus der siebziger Jahre, heruntergebrochen auf einen humanen Maßstab und als Holzbau ausgeführt.

          Selbst sein Privathaus an der Hamburger Elbchaussee, das an die mit großen Glasfassaden feierlich zum Ozean hin geöffneten Strandhäuser der amerikanischen Ostküste erinnert, gibt dem Ort etwas Transatlantisches, zur Ferne Hingewandtes. Für Berlin entwarf er den neuen Hauptbahnhof und den Flughafen BER, dessen katastrophische Baugeschichte nicht dem Architekten, sondern der geballten Inkompetenz der Lokalregierung anzulasten ist.

          Meinhard von Gerkan hat die deutsche Architektur und ihr Erscheinungsbild in der Welt geprägt wie nur wenige andere – nicht nur als Entwerfer, sondern auch als Professor an der TU Braunschweig. Wer ihn persönlich kennenlernen konnte, traf einen nachdenklichen und kritischen, gleichzeitig warmherzigen, weltzugewandten und humorvollen Denker, der sich trotz notorisch vollen Zeitplans leidenschaftlich mit der Architekturausbildung und den Fragen von Studenten auseinandersetzte. Sogar für die Fragen von Kindern fand er Zeit: Einem Grundschüler, der ihm schrieb, ob er ihm den Beruf des Architekten empfehlen könne, antwortete er, dass dieser Beruf zu achtzig Prozent aus Ärgernissen bestehe, dass es aber die anderen zwanzig Prozent unbedingt wert seien, Architekt zu werden.

          Am Donnerstag ist von Gerkan im Alter von 87 Jahren in Hamburg gestorben.

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