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Archäologisches Rätsel : Wer war der Wohltäter aus Pompeji?

Überreste des früheren Forums im Archäologischen Park Pompeji. Bild: dpa

Ausgrabungen und antike Fundstücke helfen uns, ein Bild von der Vergangenheit zu machen. Aber was, wenn es aus dem Ruder läuft?

          2 Min.

          Ein schottisches Ehepaar hat am Vortag die Ausgrabungsstätte eines römischen Forts in der Nachbarschaft besucht. Nun sitzt es morgens beim Frühstück. Er erzählt ihr einen seltsamen Traum – er sah sich selbst in grauer Vorzeit als Eroberer eines Römerkastells, als Teilnehmer eines Raubzugs wüster Männer, der gegen die verfeinerte Kultur der römischen Besatzer gerichtet war.

          Das Seltsamste aber war, sagt er, dass er in diesem Traum während der Eroberung im Fort eine Römerin antraf – ob seine Frau wisse, wer das gewesen sei? „Ich“, antwortet sie, mit kreidebleichem Gesicht. „Gut geraten“, antwortet ihr Mann.

          Er habe diese Römerin jedenfalls mit sich schleppen wollen, nur sei deren Mann plötzlich herbeigestürzt, er aber habe den fast unbewaffneten Römer erschlagen. „Markus, mein schöner Markus“, ruft seine Frau erregt aus und „Oh, du Scheusal!“ So steht es in „Durch den Vorhang“, einer unheimlichen Geschichte des ans Okkulte glaubenden Sherlock-Holmes-Autors Arthur Conan Doyle, erschienen 1911, zu einer Zeit also, als man von den Methoden heutiger Archäologen nur träumen und die Phantasie dafür üppige Blüten treiben konnte.

          Die gigantische Müllhalde von Oxyrhynchus in der ägyptischen Wüste war schon entdeckt, doch welche Textfragmente in unserer Zeit unter den avancierten optischen Instrumenten auf scheinbar leeren Papyrosfetzen zum Vorschein kommen, war ebenso wenig abzusehen wie die inzwischen entdeckten Schriften auf den etwa im feuchten Boden Britanniens bewahrten Holztäfelchen aus römischer Zeit.

          So gibt es auch aus dem schon lange bekannten, aber noch längst nicht vollständig ergrabenen Pompeji immer wieder Meldungen, die unser Bild dieser Stadt und der zeitgenössischen Kultur bedeutend ergänzen. Vor zwei Jahren wurde vor dem südlichen Tor der Stadt ein Grabmonument untersucht, das offenbar bereits im neunzehnten Jahrhundert von Raubgräbern geplündert und beschädigt worden war. Ein großer Teil der Aufschrift aber blieb erhalten und wurde nun von Massimo Osanna, dem Generaldirektor des Archäologischen Parks von Pompeji, entziffert und publiziert.

          Ein rauschendes Fest

          Demnach war der Tote Mitglied einer sehr reichen Familie, die seine Volljährigkeit – und damit das Recht, die „Toga virilis“ zu tragen, was meist im Alter zwischen 15 und 18 feierlich verliehen wurde – mit einem ungeheuren Fest feierte: Sagenhafte 6840 Gäste wurden bewirtet, 416 Gladiatoren kämpften tagelang zu Ehren des Jünglings, der später auch mit reichen Brotspenden während einer Hungersnot hervortrat und einmal sogar vom Kaiser erwirkte, dass einige wegen eines Aufruhrs verbannte Pompejaner wieder in die Heimat zurückkehren durften.

          Der Vorhang geht kurz auf, doch das Bild, das wir erhaschen, ist unvollständig. Nicht nur, weil man gern genauer wüsste, wie ein derart gewaltiges Fest ausgesehen hat, wer eingeladen war und wer nicht, wie sich die Tage zwischen Völlerei und Gladiatorenkampf dahinwälzten. Denn auch der Name des Wohltäters, der ja vor dem Jahr 79, als Pompeji unterging, gestorben sein muss, ist auf der Inschrift nicht erhalten – handelt es sich, wie Massimo Osanna vermutet, um den aus anderen Quellen bekannten Pompejaner Gnaeus Alleius Nigidius Maius, für den unter anderem spricht, dass sich das Grab seines Adoptivvaters ganz in der Nähe des nun untersuchten befindet?

          Und der Name des Kaisers wird erst gar nicht genannt – könnte es sich um Nero handeln, der nach seinem gewaltsamen Tod im Jahr 68 öffentlich besser nicht erwähnt wurde? Viel Raum jedenfalls für einen neuen Wahrtraum.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

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