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Keltische Archäologie : Erst kam die Kultur, dann das römische Heer

Bronzeanhänger in Form eines Hundes aus dem 1. Jahrhundert vor Chr., 2,4 Zentimeter klein. Bild: Museum der Stadt Bratislava

Eine Ausstellung in Frankfurts Archäologischem Museum zeigt, dass die Römer den Donauraum beeinflussten, bevor sie ihn unterwarfen

          Wie lückenhaft unser Wissen ist, wie gravierend einige wenige Funde unser etabliertes Bild von der Vergangenheit erschüttern können, das führt derzeit eine Ausstellung im Archäologischen Museum Frankfurt vor. In Kooperation mit mehreren slowakischen Partnern zeigt das Museum unter dem Titel „Biatec. Nonnos. Kelten an der mittleren Donau“ eine Ausstellung zu „archäologischen Neuentdeckungen in der slowakischen Hauptstadt Bratislava“, die im Zuge von Baumaßnahmen auf dem Burgberg möglich wurden. Dass dort im ersten Jahrhundert v. Chr. eine keltische Siedlung, ein „Oppidum“ der ursprünglich aus Norditalien stammenden Boier bestand, war lange bekannt. Einigkeit herrschte auch darüber, dass es einige Jahrzehnte vor der Zeitenwende zerstört worden war, und zwar, wie nach einem Hinweis in Strabos „Geographica“ vermutet wurde, von den Dakern, einem im Gebiet des heutigen Rumänien siedelnde Volk.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Zeugen einer gewaltsamen Zerstörung des Burgbergs von Bratislava sind in den vergangenen Jahrzehnten auch ans Licht gekommen, darunter verbrannte Wände und die Überreste von offensichtlich nur hastig oder gar nicht beerdigten Körpern. Zugleich aber wurden Spuren einer geradezu luxuriösen Lebensweise nach römischem Vorbild gefunden, darunter bemalte Wände, polierte Fußböden, ein Lagerraum für Öl- und Weinamphoren und dergleichen mehr. Weitere Funde deuten darauf hin, dass die Zerstörung erst um die Zeitenwende stattfand, zu einer Zeit also, als die Römer bereits erheblich weiter nach Norden vorgerückt waren und die Landschaft Pannonien besetzten.

          Der Goldarmring von Zohor mit schematischen Köpfen an jedem Ende, die Oberfläche ist durch konzentrische Kreise gepunzt. Der Durchmesser beträgt 9 Zentimeter, er stammt aus dem ersten oder zweiten Jahrhundert n. Chr.

          Es sind nicht die ersten Zeugnisse einer romanisierten Gesellschaft, die auf dem Burgberg von Bratislava gefunden worden sind. Tatsächlich siedelten hier bald nach den Boiern andere Stämme, deren Oberschicht, wie andernorts auch, römische Sitten annahm. Zumindest überraschend aber ist, dass dies unter den Boiern bereits vor der Römerherrschaft üblich war – und die Ergebnisse der letzten Jahre regen dazu an, frühere Funde neu in diesem Zusammenhang zu sehen, etwa ein bereits vor fünfzig Jahren in Bratislava entdecktes großes Zangentor. Allerdings werfen neuere Funde auch in Gallien die Frage auf, ob es nicht auch dort zu ähnlichen Phänomenen kam, bevor Julius Cäsar seinen „Gallischen Krieg“ führte.

          Hochentwickelte Öfen in der Altstadt

          Dass man von Einzelphänomenen ausgeht, von Zeugnissen einer Kultur, die zufällig – nämlich in punktuellen Grabungen – auf uns gekommen sind und die einen hohen Bedarf an Interpretation haben, macht die Ausstellungsarchitektur geschickt deutlich. In ihrem Zentrum ist ein Gang, an beiden Seiten fast geschlossen und mit Schrift bedeckt, die ins Thema und in die Zeit der Jahrhunderte unmittelbar vor Christi Geburt einführen. Zu Beginn ist da zwischen den Wänden ein Reliefmodell der Gegend von Bratislava zu sehen, über das verschiedene Besiedlungszustände projiziert werden und das deutlich macht, welche Funktion der äußerst günstig gelegene Berg über der Stadt hatte, von dem aus man zwei sich kreuzende Handelswege kontrollieren konnte.

          Die Gemme, auf der eine Biene abgebildet ist, stammt aus dem 1. Jahrhundert vor Christus. Gefunden wurde sie in Bratislavas Altstadt.

          Die Seitenwände des Gangs aber sind durchbrochen und führen in jeweils kleine Ausstellungsgevierte, die einen bestimmten Befund vertiefen. Ein Raum führt im Modell vor, welch hochentwickelte Öfen in der Altstadt ans Licht gekommen sind, ein anderer zeigt Münzfunde, darunter solche mit den Namen zweier Anführer, die der Ausstellung ihren Titel gegeben haben.

          All dies gewinnt an Tiefe, weil die Kuratoren, darunter Wolfgang David, der Direktor des Museums, die slowakischen Exponate in Beziehung zu den etwa gleichzeitigen Verhältnissen im Rhein-Main-Gebiet setzen. Dafür schöpfen sie aus reichen eigenen Beständen, die wiederum den Vergleich mit den Werkzeugen und der Keramik aus dem slowakischen Raum ermöglichen und darin überraschende Parallelen aufzeigen. Dass man jedenfalls die Mobilität der damaligen Bevölkerung sehr leicht unterschätzt, zeigt diese Ausstellung aufs schönste.

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