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Archäologie : Was erzählen Skelette?

Totentanz aus Hartmann Schedels „Weltchronik“ von 1493 Bild: Picture-Alliance

Zwei männliche Skelette aus der Spätantike halten Händchen. Verliebte Jungs? Oder ist die Sache ganz anders?

          1 Min.

          Der Lehrer Sampson verhält sich seltsam: Er fühlt sich verfolgt, findet in den Klassenarbeiten seiner Schüler geheime Botschaften, die ihn alarmieren – „wenn du nicht zu mir kommst, werde ich zu dir kommen“, steht da auf Latein. Eines Morgens ist Sampson aus dem Internat verschwunden. Ein Schüler will allerdings beobachtet haben, wie in der Nacht zuvor ein unheimliches Wesen in das Fenster zu Sampsons Zimmer eingestiegen sei.

          Dreißig Jahre später wird ein verfüllter Brunnenschacht geleert, in dem sich zwei Skelette finden, von denen das eine aufgrund eines Anhängers als der verschwundene Lehrer identifiziert wird. Das andere Skelett hat seine Arme um Sampsons Knochen geschlungen und hält ihn fest. So steht es in „Eine Schulgeschichte“ von Montague Rhodes James, erschienen 1911, und obwohl die Sache noch immer rätselhaft ist – wer ist der zweite Mann? Warum verfolgt er Sampson? –, kann man sich doch aufgrund des Berichts der Schüler denken, dass die Beziehung zwischen den beiden, die da so eng beieinander liegen, zu Lebzeiten von Hass und Angst geprägt gewesen ist. Die Ausgräber aber, die auf die Skelette stießen, ohne von der Schulgeschichte zu wissen, werden das Miteinander der Gerippe ganz anders gedeutet haben – womöglich als Liebesgeschichte.

          Zehn Jahre lang galt das auch für zwei Skelette, die im fünften Jahrhundert auf einem norditalienischen Friedhof bestattet und 2009 gefunden worden waren. Weil die Toten Hand in Hand in ihrem Grab lagen, hielt man sie für ein Paar und taufte sie „Die Liebenden von Modena“.

          Kampfgefährten? Verwandte?

          Der miserable Zustand der Skelette erlaubte keine Rückschlüsse auf ihr Geschlecht, bis ein Forscherteam um Federico Lugli von der Universität Bologna nun aus dem Zahnschmelz der beiden Leichen ein Protein destillierte, das nur bei Männern vorkommt. Paare, die Hand in Hand begraben worden sind, kennt man aus der Antike, aber bislang ist kein gleichgeschlechtliches bekannt.

          Sollte es sich also bei den Toten von Modena um Liebende handeln, dann hätten ihre Hinterbliebenen mit dieser Bestattungsart ein ungewöhnliches Zeichen gesetzt. Vielleicht, so vermuten die Forscher, sind es aber auch Kampfgefährten oder Verwandte, die da im Tod noch Händchen halten. Für eine spekulative Phantasie wie die von M. R. James bleibt da noch jede Menge Raum.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

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