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Gina Thomas (G.T.)

Archäologie und Sexualität : Hat ein Skelett ein Geschlecht?

  • -Aktualisiert am

Mann oder Frau? Geht es nach britischen Geschlechteraktivisten, darf das künftig keine Rolle mehr spielen. Bild: Stadtarchäologie Augsburg

Die Ideologisierung des Sexuellen in Großbritannien nimmt immer wahnhaftere Züge an. Nun tobt ein Streit darüber, ob Skelette als männlich oder weiblich kategorisiert werden dürfen.

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          Im gegenwärtigen Klima Großbritanniens ist es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis die Ideologisierung des Sexuellen auf die Archäologie übergreifen würde. Schließlich hat die Frauenforschung, die sich gegen die patriarchale Deutung archäologischer Funde aufbäumte, auch in dieser Disziplin längst Fuß gefasst. Die sogenannte Geschlechterarchäologie war denn auch schon lange etabliert, als der jetzige Kulturkrieg um Definitionen des biologischen, sozialen und gefühlten Geschlechtes zu toben begann.

          Im Grunde sind die jüngsten Wendungen in dieser Richtung nur eine Fortsetzung des Argumentes, die moderne Gesellschaft habe ihre eigenen paternalistischen Normen der Vergangenheit aufgedrängt. In diesem Sinne erklärte ein internationales, multiethnisches Kollektiv, das 2016 aus einem Seminar über Anarchie in der Archäologie hervorging, schon im vergangenen Jahr, dass die Kollegen in der ethischen und wissenschaftlichen Verantwortung stünden, die „transphobe Rhetorik, Vorgehensweise und interpretative Rahmenstruktur in unserer Disziplin zu durchkreuzen“.

          Grabbeigaben erlauben Rückschlüsse auf das Geschlecht

          Sich auf eine ausgiebige Literatur auf diesem Gebiet berufend, bezeichnete das Black-Trowel-Kollektiv die gegenwärtige Gesellschaftsordnung nach strengen Kriterien von Gender, primären Geschlechtsmerkmalen und Sexualität als relativ neues Phänomen, das als Teil des hegemonialen Kolonialismus entstanden sei und dazu diene, „kapitalistische Normen im Heim sowie in der breiteren Gesellschaft geltend zu machen und aufrechtzuerhalten“. Das Kollektiv fordert unter anderem, dass Archäologen Genderfluidität ins Zentrum ihrer Praxis rücken. Ein archäologisches Verständnis der Vergangenheit sei mit Transphobie und dem sogenannten genderkritischen oder transexklusionistischen Radikalfeminismus nicht vereinbar. Archäologische, historische und ethnographische Darstellungen belegten, dass das menschliche Geschlecht überaus wechselhaft sei und die Menschen sich historisch mit zahlreichen Geschlechtern jenseits der modernen männlichen und weiblichen Zweiheiten wohlgefühlt hätten.

          Daraus folgert das Kollektiv, Skelette nicht mehr als männlich oder weiblich zu kategorisieren, weil man nicht sicher sein könne, wie die Menschen sich selbst identifiziert hätten. In der Vergangenheit wurden aus den Grabbeigaben Rückschlüsse über das Geschlecht und die Lebensumstände der Toten gezogen. Inzwischen ermöglicht der technische Fortschritt differenziertere Erkenntnisse. Diese haben das herkömmliche Geschlechterbild, dem zufolge Waffen auf einen Mann und häusliche Gegenstände auf eine Frau schließen ließen, mitunter auf den Kopf gestellt. Das muss nicht heißen, dass jeder Leichnam, der mit genderuntypischen Gegenständen gefunden wird, gleich als trans zu identifizieren ist. Doch archäologische Geschlechteraktivisten bemängeln, dass die traditionelle Forschung ihre Gender-Vorurteile auf die Vergangenheit projiziere. Dabei tun sie selbst nichts anderes.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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