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Archäologie : Die Creme macht’s

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Ein Kosmetikkoffer muss in archäologischen Ausgrabungsgebieten kein unnützer Ballast sein: Der britischen Krimiautorin Agatha Christie gelang es, mit ihrer Gesichtscreme historisches Elfenbein vor dem Verfall zu retten.

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          Auch in der Archäologie, bis zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts reine Männerdomäne, gab es das Phänomen der „Frau an seiner Seite“. Heinrich Schliemanns Frau Helena beispielsweise war die kompetenteste Assistentin ihres Mannes, barg mit ihm den „Schatz des Priamos“ und wurde weltberühmt durch die Fotografie, auf der sie die eben gefundenen und frisch gereinigten trojanischen Diademe trägt.

          Agatha Christie verdankt ihren Ruhm der Tätigkeit als Autorin betulicher, aber höchst verzwickter Krimis, die sie zwischen 1920 und 1958 verfasste. Nun greift ihr Ruf auf archäologisches Gebiet über: Für 1,2 Millionen Dollar erwarb das Britische Museum ihre Sammlung dreitausend Jahre alter Elfenbeinschnitzereien. Die Kollektion umfasst fünftausend Fragmente und tausend vollständige Kunstwerke, viele davon die kostbarsten, die bisher im Mittleren Osten gefunden wurden. Ausgegraben wurden sie zwischen 1949 und 1963 in Nimrud, der Hauptstadt des assyrischen Reichs im heutigen Nordirak. Leiter des englischen Archäologenteams war Max Mallowan, der Mann Agatha Christies, den sie begleitete.

          Abgezweigter Nutzen kosmetischer Accessoires

          „Ich hatte meine eigenen bevorzugten Werkzeuge bei mir“, schreibt sie in ihrer Autobiographie, „eine extrem feine Häkelnadel und einen Tiegel Gesichtscreme.“ Nur hartgesottene Chauvinisten dürften spöttisch lächeln, und nur Laien können erschrecken, wenn sie fortfährt, die Creme habe ihr gedient, „den Schmutz behutsam aus den Eintiefungen zu wischen, ohne das fragile Elfenbein zu beschädigen“. Die Experten des Britischen Museums bestätigen, dass die Elfenbeine sich in exzellentem Erhaltungszustand befinden.

          Und ein Blick in die Geschichte der Archäologie belehrt, dass Agatha Christie mit ihrer Gesichtscreme aus der Not eine herrliche Tugend machte: Bis heute enthalten Cremes als Grundlage Paraffin. Das wiederum war als sprühbares Paraffinwachs eines der damals wichtigsten Hilfsmittel von Archäologen, wenn es galt, fragile Gegenstände zu festigen und zu konservieren. Ohne reichlich zerstäubtes Paraffinwachs wären zum Beispiel dem englischen Archäologen Howard Carter die berühmten Wedel, die Prunksandalen, geschnitzten Bögen und bestickten Gewänder des Tutanchamun unter den Fingern zu Staub zerbröselt. Auch Carter hatte eine Frau an seiner Seite: Lady Evelyn, die bildschöne Tochter seines Mäzens Lord Carnarvon. Sie assistierte ihm zwar nicht, aber spornte ihn zu Höchstleistungen an. Sage also niemand mehr, kiloschwere Kosmetikkoffer seien unter allen Umständen Ballast.

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