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Archäologie : Aus den Nebeln von Nebra

Die weltbekannte Himmelsscheibe von Nebra ist im neuen Teil der Dauerausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle/Saale zu sehen. Bild: ddp

Lag der Auftraggeber der Himmelsscheibe im Fürstengrab von Dieskau? Neue Thesen zu einem alten Rätsel.

          2 Min.

          Die Aunjetitzer Kultur, benannt nach einem Fundort nördlich von Prag, ist für den Laien ein böhmisches Dorf, für Archäologen und Frühgeschichtler dagegen ein Hauptereignis der europäischen Bronzezeit. Sie blühte von 2300 bis etwa 1600 v. Chr., und ihr Verbreitungsgebiet bezeichnet ziemlich genau den Raum, in dem die großen Handelswege von Norden nach Süden, die Routen zwischen den Metall und Salz produzierenden und den Bernstein und Pelze liefernden Regionen zusammentrafen: Mitteldeutschland bis zur Elbe, das Böhmische Becken, die obere Donau, die Mittlere Oder.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Seit langem weiß man, dass sich die Träger der Aunjetitzer Kultur in Fürstentümern organisierten, dass sie ein kehliges, noch von keiner Lautverschiebung gemildertes Urgermanisch redeten und dass sie ihre Herrscher, die über eigene, streng gegliederte Kriegerverbände geboten, in Hügelgräbern bestatteten. In einem dieser Hügel, dem Bornhöck in der Nähe der Ortschaft Dieskau westlich von Halle, will der sachsen-anhaltinische Landesarchäologe Harald Meller jetzt den Auftraggeber und ersten Besitzer der Himmelsscheibe von Nebra ausgemacht haben.

          Inszenierung mit Goldbeilen und Riesengräbern

          Ein Problem dieser Entdeckung ist, dass es das Hügelgrab von Dieskau nicht mehr gibt. 1874 wurde die Erhebung, die damals siebzig Meter breit und gut zwanzig Meter hoch und damit einer der größten bronzezeitlichen Grabhügel in Europa war, von ihrem Besitzer abgetragen. Auf einem Acker nebenan fanden Arbeiter einen kiloschweren Goldschatz, von dem ein Teil eingeschmolzen, ein anderer, vier Armringe und ein Beil, an die Staatlichen Museen Berlin verkauft wurde; heute liegen sie als Kriegsbeute im Puschkin-Museum in Moskau. Weitere Funde kamen 1904 und 1937 im Zuge des Braunkohletagebaus in der Nähe der Grabstätte ans Licht: Beile, Ringe, Äxte und Dolchklingen aus Bronze, dazu Bernsteinperlen, offenbar die Hinterlassenschaft einer lokalen Streitmacht.

          Liegt hier der Auftraggeber der Himmelsscheibe? Das Fürstengrab in Börnhöck wird von Landesarchäologe Harald Meller und Grabungsleiter Torsten Schunke begutachtet.
          Liegt hier der Auftraggeber der Himmelsscheibe? Das Fürstengrab in Börnhöck wird von Landesarchäologe Harald Meller und Grabungsleiter Torsten Schunke begutachtet. : Bild: dpa

          Meller, der zugleich Direktor des Halleschen Landesmuseums für Vorgeschichte ist, hält den Dieskauer Hügel wegen seiner Größe und seiner – teilweise bereits im Mittelalter geplünderten – Schätze für das Mausoleum einer Dynastie, zu der die umliegenden Clans in einer Art Vasallentreue standen. Dieses Fürstenhaus, das sich mit Goldbeilen und Riesengräbern als Hegemonialmacht inszenierte, habe als einziges über das Herrschaftswissen verfügt, das sich in der Himmelsscheibe von Nebra abbilde, sagte Meller am Mittwoch. Die drei Überarbeitungsphasen und den Ortswechsel der Himmelsscheibe zwischen ihrer Entstehung um 1900 und ihrem Verscharrtwerden um 1600 v. Chr. erklärt der Landesarchäologe mit Verschiebungen oder auch Verfallsprozessen im Machtgefüge der Gegend, bei der die mit astronomischen Kenntnissen des Orients aufgeladene Scheibe allmählich den schlichteren Bedürfnissen ihrer neuen Besitzer angepasst wurde.

          Man kann Mellers These, zu der auch die Vermutung gehört, die Arbeiter von 1874 hätten ihren Goldfund aus dem Hügel ins Feld umgebettet, um ihn nicht abliefern zu müssen, für spekulativ halten. Doch die Puzzleteile, die er präsentiert, passen zusammen, auch wenn das Puzzle noch lange nicht vollständig ist. Die Himmelsscheibe selbst, der Meller im obersten Stock des Landesmuseums in Halle einen eigenen Kultraum eingerichtet hat, wird durch die vielen Theorien, die sich inzwischen um sie ranken, nur noch faszinierender. Wie die Steinkreise von Stonehenge gehört sie zu den magischen Relikten, in denen sich das Sternenwissen der Vorzeit verkörpert. Wozu sie gedient haben, können wir nur ahnen. Aber womöglich liegt in diesem Rätsel ihr eigentlicher Reiz.

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