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Apple Watch : E-Mails im Blut

  • -Aktualisiert am

Quasi ein Vorläufer von Apple Watch: Das amerikanische „Dick Tracy Wrist Radio“ aus den vierziger Jahren ist ein wirklich obsolet gewordenes Nostalgieprodukt Bild: Reuters

Natürlich zeigt die neue Apple Watch nicht nur die Zeit an, sondern ist auch vollends vernetzt. Aber was macht sie mit ihrem Träger? Er sendet körperlich Signale, wortwörtlich.

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          Die Nostalgiker freuten sich, die Futuristen waren erschrocken: Das nächste große Ding, das sich der Apple-Konzern nach iPad, iPod und iPhone ausgedacht hat, ist – eine Uhr. Also ausgerechnet das, was mit dem Triumphzug des iPhones, das auch die Zeit anzeigt, schon auf dem Scheiterhaufen obsolet gewordener Nostalgieprodukte gelandet schien. Wer trägt noch eine Armbanduhr? Wenn die Investmentbanker von Morgan Stanley recht haben, bald wieder jeder, und zwar eine von Apple: Die Analysten sagen bis zu sechzig Millionen verkaufte Geräte voraus.

          Das neue Gerät heißt „Apple Watch“, nicht „iWatch“, vielleicht wollte man die phonetische Nähe zu Orwell-Zitaten („iWatch is watching you“) vermeiden, die allerdings trotzdem naheliegen. Denn natürlich zeigt die Apple-Uhr nicht nur die Zeit an, sondern ist vollends vernetzt: Alles, was bisher auf dem iPhone ankam, E-Mails, SMS, Facebook-Nachrichten, erscheint auch hier auf dem Display. Die Krone, mit der man die Uhr früher aufzog, dient zum Scrollen, Nachrichten werden per Vibrationsalarm am Handgelenk gemeldet (Zahnärzte sollten die Uhr bei der Arbeit also besser abnehmen). Man kann Freunden „taptic messages“ schicken, pocht man auf sein Display, klopft und krault es an ihren Armen. Außerdem messen Infrarot- oder Echtlicht-LEDs mit Fotosensoren auf der Rückseite der Uhr den Puls ihres Trägers: Ein Blick auf die Uhr genügt in Zukunft also, um herauszufinden, ob man sich zu sehr aufregt oder mehr Sport machen sollte. Als „wearable device“ kann die Uhr die Laufleistung ihres Trägers beim Joggen seinen Freunden auf ihr Display spielen; so befindet man sich in einem nie endenden sportlichen Wettstreit, der auch wieder zu Stress führen kann, was dann erneut vom eingebauten Pulsmesser erfasst wird.

          Man kann noch gar nicht absehen, was die Apple-Produkte der vergangenen Jahre für unser Verhältnis zu den Dingen bedeuten. Zum einen ließen sie ganze Objektpaletten in einem noch nicht einmal schwarzbrotscheibengroßen Ding auf Nimmerwiedersehen verschwinden: Telefon, Plattenspieler, Plattensammlung, Kamera, Fotoalbum, Kalender, Notizbuch – alles im iPhone. Diesem Verschwinden der Dinge steht der Aufstieg des „Internets der Dinge“ gegenüber, jener Computer, die den Körper unmerklich mit dem Netz verbinden. So wie „Google Glasses“ das Gesicht zum virtuellen Interface machen sollen, lässt die Apple Watch das Internet an die Haut: Der bisher eher metaphorische Satz „Der Körper sendet Signale“ hat hier eine viel wörtlichere Bedeutung, und man kann sich ausmalen, was es für Datenschutz bedeutet, wenn Blutdruckwerte online gehen.

          Mit Armband zum Effizienzmonster

          „Wearable devices“ können registrieren, ob man zu viel Whiskey getrunken oder zu wenig Sport gemacht hat, und nicht nur Technophobiker sehen schon die Freudentänze der Versicherer angesichts der näherrückenden Möglichkeit, mit Hinweis auf Armbanddaten, die leichtsinniges Verhalten dokumentieren, bestimmte ärztliche Behandlungskosten nicht zu übernehmen – so, wie sie heute schon Zahlungen verweigern, wenn bei einem Autobahnunfall nachgewiesen werden kann, dass der Fahrer zu schnell war, also zwar legal, aber nach herrschender Meinung leichtsinnig handelte.

          Der hektische Blick auf die Uhr, immer schon Ausdruck schlechten Gewissens, wird mit der Apple Watch noch hektischer werden: Oben vibrieren die unbeantworteten Nachrichten eines zu vollgestopften Tages, unten werden die Verwüstungen gemessen, die ein vom Dauerkommunikationsterror geprägter Lebensstil im Körper anrichtet – denn einer der Gründe für Bewegungsmangel und Verfettung ist ja die Paralyse vor dem Bildschirm. Man könnte, wenn man in der Apple Watch nicht nur Erleichterungen sehen will, auch sagen, dass sie oben, im Display, durch das endlose Bombardement mit Informationen die Probleme produziert, deren Folgen sie dann unten an der Hautseite misst – und mit mehr Sport bekämpfen lässt. So erzieht die Uhr ihre Nutzer zu paradoxen Effizienzmonstern, und mitgeteilt wird am Ende des Tages durch das calvinistische Über-i am Handgelenk nur, ob man genug Kalorien verbrannt hat, nicht, ob man genug mit seinen Kindern gespielt, gedöst und herumgegammelt, also das getan hat, was jenseits aller Funktionsoptimierung zu einem gelungenen Tag gehört.

          Man muss kein verbohrter Nostalgiker sein, um sich vorzustellen, wie entnervend ein Abendessen sein wird, wenn die Hand, die die Gabel hält, unter dem Ansturm von Nachrichten zittert, als hätte man eine Art Info-Parkinson. Nur wenn die Apple Watch nicht aufgeladen wurde und wie ein rätselhafter minimalistischer Schmuck, ein leeres schwarzes Malewitsch-Quadrat am Handgelenk prangt, ist es dann ruhig. Schon deswegen werden in Zukunft stromlose, ungeladene Gäste die angenehmsten sein.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

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