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Appell zur Freilassung von Li Bifeng : Wie man sich Feinde schafft

  • Aktualisiert am

Wegen angeblicher „Wirtschaftdelikte“ zu zwölf Jahren Haft verurteilt: Li Bifeng Bild: Archiv

Die Justiz in China hat einen Mann, der für die Demokratie kämpft, zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Liao Yiwu fordert von der chinesischen Regierung die Freilassung des Schriftstellers Li Bifeng.

          Kaum war der Vorhang nach dem 18.Parteitag der kommunistischen Diktatoren Chinas gefallen, wurde der Untergrundschriftsteller Li Bifeng zu einer Freiheitsstrafe von zwölf Jahren verurteilt. Wir sehen darin das Signal für einen gefährlichen Rückschritt.

          Li Bifeng und der Schriftsteller Liao Yiwu haben sich im Gefängnis Nr.3 der Provinz Sichuan kennengelernt, wo man nach dem Massaker vom 4.Juni 1989 außer ihnen noch zwanzig weitere politische Häftlinge eingepfercht hatte. Sie waren die einzigen, die an diesem Ort wegen ihrer fatalen Liebe zur Literatur zueinanderfanden. Auch wenn sie bisweilen wegen unterschiedlicher Auffassungen über das Schreiben aneinandergerieten, blieben sie auch nach der Haftentlassung in freundschaftlichem Kontakt miteinander. Sie tauschten Manuskripte und ihre Ansichten über das Leben aus. Li Bifeng war Optimist; er wollte hoch hinaus und widmete sich neben dem Schreiben der Demokratiebewegung. Liao Yiwu war Pessimist; ihn zog es nach unten, wo er neben dem Flötenspiel in dunklen Spelunken in einem Berg von Schriftwerk unterging.

          Endlose Geheimverhöre

          Li Bifeng wanderte 1998 ein zweites Mal ins Gefängnis, weil er einen Bericht über die mutige Sitzblockade einer Autobahn durch eine Gruppe von Textilarbeitern in seiner Heimat Mianyang verfasst und im Ausland ansässigen Menschenrechtsorganisationen zugespielt hatte. Nach einem halben Jahr auf der Flucht vor den alarmierten Behörden wurde er schließlich gefasst. Dieses Mal hatten die kommunistischen Diktatoren ihre Strategie geändert und verurteilten ihn wegen angeblicher „Wirtschaftskriminalität“ zu weiteren sieben Jahren Haft.

          2011 sperrten sie ihn ein drittes Mal ein - zwei Monate nachdem Liao Yiwu heimlich über die chinesisch-vietnamesische Grenze außer Landes geflüchtet war. Noch während sich von September 2011 bis Mai 2012 die endlosen Geheimverhöre von Li hinzogen, erfuhr der inzwischen nach Deutschland gelangte Liao zufällig, dass Li Bifengs Verhaftung mit seiner eigenen Flucht zu tun habe. Schockiert musste er feststellen, dass die Polizei Li vorwarf, dieser habe durch finanzielle beziehungsweise aktive Hilfestellung die Flucht des Freundes ermöglicht. Tatsächlich hatte Li Bifeng mit Liao Yiwus Flucht nicht das Geringste zu schaffen.

          Teufelskreis aus Armut und Despotie

          Nun ist Li Bifeng abermals zu zwölf Jahren Haft verurteilt worden - wieder wegen angeblicher „Wirtschaftdelikte“. Es handelt sich strategisch um einen besonderen Zeitpunkt, die Machtkämpfe sind vorläufig beendet, eine neue Garde betritt die Bühne und lässt die Muskeln spielen - und Tausende Kilometer von der Hauptstadt entfernt wird in einem Gerichtssaal der Kleinstadt Shehong in der Provinz Sichuan trotz des Plädoyers des Verteidigers, der darauf pocht, dass es in diesem Fall weder Beweise noch Geschädigte gab, nach mehrfacher Vertagung des Gerichtsverfahrens ein unbekannter Dichter zu einer schweren Strafe verurteilt. Li Bifeng ist 48Jahre alt und wird nach Ablauf dieser Haft 24 Jahre seines Lebens im Gefängnis verbracht haben.

          Li ist zusammen mit Liu Xiaobo, dem inhaftierten Friedensnobelpreisträger des Jahres 2010, durch das Massaker vom Tiananmen-Platz vom Juni 1989 zu einer Symbolfigur der chinesischen Geschichte geworden. Liu Xiaobo allerdings ist ein typischer Vertreter der intellektuellen Elite, der in seinen Briefen an Liao Yiwu stets unverbrüchlich daran festhielt, ein chinesischer Václav Havel oder Martin Luther King sein zu wollen, und sich, ganz wie jene Idealisten, als Hoffnungsträger sieht. Im Gegensatz dazu erwartet Li Bifeng nicht mehr als das Schicksal der ganzen sozialen Bewegung Chinas auf Graswurzelebene.

          Sie besteht aus der großen schweigenden Masse, der es weder an den Idealen noch am Verantwortungsgefühl der intellektuellen Elite mangelt und die doch wie Ratten in schmutzigen Abwassergräben verborgen lebt. Diesen in einem Teufelskreis aus Armut und Despotie gefangenen Ratten wurde über Nacht ein ewiges Schweigegebot auferlegt, nachdem sie zuvor die Straßen unzähliger chinesischer Städte überflutet und für eine gerechte Sache demonstriert hatten, bis ihre hitzköpfige Empörung mit dem Kriegsrecht und den Gewehrsalven der staatlichen Armeesoldaten beantwortet wurde.

          Rekordverdächtige Fluchtversuche

          Liao Yiwu gesteht, dass ihm Li Bifeng in den vergangenen Jahren in aller Heimlichkeit sehr viel Wärme hat zuteilwerden lassen; jene Art von Wärme, die sich Ratten zuteilwerden lassen, wenn sie ihr Fell aneinanderreiben. Sein Vertrauen hat Liao ihm allerdings nicht geschenkt. Zwei Monate vor dessen Flucht, der Künstler Ai Weiwei war gerade erst auf dem Pekinger Flughafen „verschwunden“, hatte Li Bifeng seinen Freund zum Essen eingeladen. Während sie sich wie gewohnt über das Schreiben unterhielten, fragte Li ihn unvermittelt, ob er Geld brauche. Liao Yiwu verneinte. Er brauche kein Geld. Li Bifeng fragte weiter: „Brauchst du ein Schlupfloch?“ „Ich gehe nirgends hin“, hat Liao Yiwu ihm geantwortet.

          Liao war damals durch die Frage alarmiert, und er gratulierte sich dazu, dass der in den Weissagungen des „Buchs der Wandlungen“ versierte Freund kein Wort aus ihm herausbekommen hatte. Li Bifengs eigene Fluchtversuche nach dem 4.Juni 1989 hätten einen Eintrag ins „Guinness-Buch der Rekorde“ verdient. Gleich nach dem Massaker vom Tiananmen war er zum ersten Mal mit anderen zusammen in Yunnan über die Grenze geflüchtet. Er war schon einige Kilometer weit ins Landesinnere von Burma vorgedrungen, als ihn die dortigen kommunistischen Behörden schnappten und brav an die Genossen in China auslieferten. Dort wurde er zunächst einmal so zusammengeschlagen, dass er bis heute verkrüppelt ist.

          Eine Spur von Menschlichkeit

          Nach fünf Jahren Haft war Li gerade erst entlassen worden, als er abermals versuchte, sich davonzumachen. Er schaffte es bis zur chinesisch-russischen Grenze im Nordosten und bestach einen Menschenhändler, der ihn außer Landes bringen wollte. Als er schon den Frachtcontainer besteigen wollte, hörte er mit an, wie der Menschenhändler einem anderen zuflüsterte, er wolle Li als Zwangsarbeiter nach Chifeng in die Innere Mongolei verkaufen. Li Bifeng türmte und durchquerte daraufhin ganz China, bis er in den Süden nach Shenzhen gelangte, wo er hoffte, über die Transitstrecke nach Hongkong zu kommen. Zwei Stunden blieb er unbehelligt, ehe er den Verdacht der Grenzpolizei erregte und sofort verhaftet wurde.

          Später unternahm er noch drei oder vier weitere Fluchtversuche, und Liao Yiwu wusste nicht, ob er über diese Aktionen lachen oder weinen sollte. Wie hätte ein solcher Pechvogel, den sie immer wieder geschnappt haben, ihm beim eigenen Fluchtversuch helfen können? Aber Chinas Diktatoren sind in ihrer schematischen Denkweise so brutal wie dämlich. Pech für Li Bifeng. Wenn er seine zwölf Jahre abgesessen hat, wird er ein Mann von sechzig Jahren sein. Selbst wenn er es dann noch in die freie Welt schaffen sollte, wird es ihm, der kein Wort in einer Fremdsprache spricht, nicht viel nützen.

          Als wäre es nicht genug, dass die Polizei diesem Li Bifeng, der so wenig von Politik versteht, über die Jahre hinweg ständig seine mehrere tausend Seiten umfassenden Manuskripte konfisziert hat, müssen sie ihn nun auch noch einsperren. Warum? Xi Jinping, der neue Mann an der Spitze der KP Chinas, müsste doch begreifen - schließlich saß sein eigener Vater in den Gefängnissen von Mao Tse-tung -, dass ein unschuldig im Gefängnis sitzender genauso wie ein unschuldig beim Massaker von 1989 getöteter Mensch große Sympathiewellen provozieren kann. Seit dem Mai dieses Jahres haben bereits mehr als dreihundert Intellektuelle aus aller Welt einen Appell zur Freilassung von Li Bifeng unterzeichnet. Wir vertrauen darauf, dass es bis zum Jahresende zehntausend sein werden.

          Wir fordern die chinesische Regierung zur Freilassung von Li Bifeng auf. Unrechtsurteile, Menschenverachtung und das Auseinanderreißen von Familien müssen aufhören. Wenn die Richter, die diesen Fall verhandelt haben, auch nur eine Spur von Menschlichkeit besitzen, können sie sich nicht wohl in ihrer Haut fühlen. Politische Macht ist nicht zuletzt vor allem dann gefährdet, wenn sie sich selbst Feinde schafft.

          Die Erstunterzeichner

          Ai Weiwei, Künstler, Peking

          Liao Yiwu, Schriftsteller und Musiker, Träger des Friedenspreises des deutschen Buchhandels, Berlin

          Ha Jin, Schriftsteller, Träger des Booker Prize, Boston

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