https://www.faz.net/-gqz-74pvv

Appell zur Freilassung von Li Bifeng : Wie man sich Feinde schafft

  • Aktualisiert am

Rekordverdächtige Fluchtversuche

Liao Yiwu gesteht, dass ihm Li Bifeng in den vergangenen Jahren in aller Heimlichkeit sehr viel Wärme hat zuteilwerden lassen; jene Art von Wärme, die sich Ratten zuteilwerden lassen, wenn sie ihr Fell aneinanderreiben. Sein Vertrauen hat Liao ihm allerdings nicht geschenkt. Zwei Monate vor dessen Flucht, der Künstler Ai Weiwei war gerade erst auf dem Pekinger Flughafen „verschwunden“, hatte Li Bifeng seinen Freund zum Essen eingeladen. Während sie sich wie gewohnt über das Schreiben unterhielten, fragte Li ihn unvermittelt, ob er Geld brauche. Liao Yiwu verneinte. Er brauche kein Geld. Li Bifeng fragte weiter: „Brauchst du ein Schlupfloch?“ „Ich gehe nirgends hin“, hat Liao Yiwu ihm geantwortet.

Liao war damals durch die Frage alarmiert, und er gratulierte sich dazu, dass der in den Weissagungen des „Buchs der Wandlungen“ versierte Freund kein Wort aus ihm herausbekommen hatte. Li Bifengs eigene Fluchtversuche nach dem 4.Juni 1989 hätten einen Eintrag ins „Guinness-Buch der Rekorde“ verdient. Gleich nach dem Massaker vom Tiananmen war er zum ersten Mal mit anderen zusammen in Yunnan über die Grenze geflüchtet. Er war schon einige Kilometer weit ins Landesinnere von Burma vorgedrungen, als ihn die dortigen kommunistischen Behörden schnappten und brav an die Genossen in China auslieferten. Dort wurde er zunächst einmal so zusammengeschlagen, dass er bis heute verkrüppelt ist.

Eine Spur von Menschlichkeit

Nach fünf Jahren Haft war Li gerade erst entlassen worden, als er abermals versuchte, sich davonzumachen. Er schaffte es bis zur chinesisch-russischen Grenze im Nordosten und bestach einen Menschenhändler, der ihn außer Landes bringen wollte. Als er schon den Frachtcontainer besteigen wollte, hörte er mit an, wie der Menschenhändler einem anderen zuflüsterte, er wolle Li als Zwangsarbeiter nach Chifeng in die Innere Mongolei verkaufen. Li Bifeng türmte und durchquerte daraufhin ganz China, bis er in den Süden nach Shenzhen gelangte, wo er hoffte, über die Transitstrecke nach Hongkong zu kommen. Zwei Stunden blieb er unbehelligt, ehe er den Verdacht der Grenzpolizei erregte und sofort verhaftet wurde.

Später unternahm er noch drei oder vier weitere Fluchtversuche, und Liao Yiwu wusste nicht, ob er über diese Aktionen lachen oder weinen sollte. Wie hätte ein solcher Pechvogel, den sie immer wieder geschnappt haben, ihm beim eigenen Fluchtversuch helfen können? Aber Chinas Diktatoren sind in ihrer schematischen Denkweise so brutal wie dämlich. Pech für Li Bifeng. Wenn er seine zwölf Jahre abgesessen hat, wird er ein Mann von sechzig Jahren sein. Selbst wenn er es dann noch in die freie Welt schaffen sollte, wird es ihm, der kein Wort in einer Fremdsprache spricht, nicht viel nützen.

Als wäre es nicht genug, dass die Polizei diesem Li Bifeng, der so wenig von Politik versteht, über die Jahre hinweg ständig seine mehrere tausend Seiten umfassenden Manuskripte konfisziert hat, müssen sie ihn nun auch noch einsperren. Warum? Xi Jinping, der neue Mann an der Spitze der KP Chinas, müsste doch begreifen - schließlich saß sein eigener Vater in den Gefängnissen von Mao Tse-tung -, dass ein unschuldig im Gefängnis sitzender genauso wie ein unschuldig beim Massaker von 1989 getöteter Mensch große Sympathiewellen provozieren kann. Seit dem Mai dieses Jahres haben bereits mehr als dreihundert Intellektuelle aus aller Welt einen Appell zur Freilassung von Li Bifeng unterzeichnet. Wir vertrauen darauf, dass es bis zum Jahresende zehntausend sein werden.

Wir fordern die chinesische Regierung zur Freilassung von Li Bifeng auf. Unrechtsurteile, Menschenverachtung und das Auseinanderreißen von Familien müssen aufhören. Wenn die Richter, die diesen Fall verhandelt haben, auch nur eine Spur von Menschlichkeit besitzen, können sie sich nicht wohl in ihrer Haut fühlen. Politische Macht ist nicht zuletzt vor allem dann gefährdet, wenn sie sich selbst Feinde schafft.

Die Erstunterzeichner

Ai Weiwei, Künstler, Peking

Liao Yiwu, Schriftsteller und Musiker, Träger des Friedenspreises des deutschen Buchhandels, Berlin

Ha Jin, Schriftsteller, Träger des Booker Prize, Boston

Weitere Themen

Topmeldungen

Braunkohlekraftwerk Jänschwalde hinter dem ehemaligen Braunkohletagebau Cottbus-Nord

Details des Klimapakets : Wer hat’s erfunden?

Kommenden Freitag soll das Klimapaket beschlossen werden. Um die entscheidenden Details wird bis zuletzt gerungen: Offen ist vor allem die Frage, wie viel die Tonne CO2 kosten soll.
Der frühere türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu trat am Freitag mit fünf anderen Politikern aus der AKP aus.

Austritte aus der AKP : Rebellion gegen Erdogan

Einige prominente Politiker sind aus der türkischen Regierungspartei AKP ausgetreten, um ihre eigenen Bewegungen zu gründen. Für den türkischen Präsidenten Erdogan könnte es eng werden.
Christian Pirkner, Chef des Bezahldienstes Blue Code

Angriff auf Google Pay : „Ich liebe unmögliche Missionen“

Bisher zahlt kaum jemand mit dem Smartphone. Doch der Unternehmer Christian Pirkner will dem mobilen Bezahlen in Europa zum Durchbruch verhelfen – und legt sich dabei sogar mit Google und Apple an.
Schild vor dem Trump Hotel in Washington, 21. Dezember 2016

Klage von Hoteliers : Hat Donald Trump die Verfassung gebrochen?

Trump schädige ihr Geschäft, indem er Diplomaten nötige, in seinen Hotels abzusteigen, monieren Gaststättenbetreiber. Damit haben sie vor einem New Yorker Gericht einen Etappensieg errungen. Nun könnte der Surpreme Court den Fall an sich ziehen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.