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Appell für das Romantikmuseum : Frankfurts Geschenk an die Geistesgeschichte

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„Ein Bild muss nicht erfunden, sondern empfunden sein“: Caspar David Friedrich schuf seinen „Abendstern“ vermutlich 1839. Bild: David Hall

Frankfurts exklusiver Beitrag zur deutschen wie europäischen Geistesgeschichte ist die Romantik. Dennoch ist das Projekt eines Frankfurter Romantikmuseums jetzt gescheitert. Ein Appell.

          Die verfahrene Situation um das Romantikmuseum zeigt drastisch, wie sogar solche Projekte kommunaler Kulturpolitik auf dem Opfertisch der Schuldenbremse landen, die einem Kosten-Nutzen-Denken so mühelos standhalten wie kein anderes Kulturprojekt aus Frankfurts jüngerer Zeit: Der Bau des Romantikmuseums erfordert den Abriss des Cantate-Saals. Damit entfallen jährliche Zuschüsse von mehr als 600.000 Euro. Bei einer Abzinsung mit fünf Prozent resultiert daraus eine Einsparung von zwölf Millionen Euro. Aus Verkauf und Vermietung der geplanten Wohnungen für Betuchte wachsen der Stadt ebenfalls erhebliche Einnahmen zu. Und der personelle Betrieb des Romantikmuseums ist durch den Skaleneffekt mit dem organisatorisch und räumlich verbundenen Goethehaus und dem Hochstift so preiswert wie kein anderes Museum in Frankfurt. Dies gilt insbesondere für die Doppelnutzung des wissenschaftlichen und Management-Personals.

          Die Vermarktung trägt heute immer mehr zu den Einnahmen eines Museums bei. Käme der Romantik-Fundus aus den Depots in die Aura eines Museums, würde die Symbiose mit dem Goethehaus durch größere Besucherzahlen die Selbstfinanzierung des Museums stärken. Es liegt auf der Hand, dass die Verbindung von Goethehaus und Romantikmuseum, richtig kommuniziert, eine wesentliche zusätzliche Attraktion für Frankfurt darstellt. Kein anderes Museum in Frankfurt hätte es leichter, über das Interesse an Menschen, die unserer Zeit so anverwandt sind, die Neugier auf ein Museum zu wecken. Das Wohlwollen der Sponsoren ist schon jetzt greifbar. Rund drei Millionen sind bereits in Aussicht gestellt. Hölderlins Liebe zu der als Diotima verklärten Susette Gontard bietet dazu ein bekanntes Beispiel. Auch an die ungewöhnliche Jugendfreundschaft zwischen Bettine Brentano und Karoline von Günderode sei erinnert. Die Romantik ist uns geistesgeschichtlich und in der Mentalität der Protagonisten aufregend nah. Man muss nichts übersetzen und erklären. Und warum ist Frankfurt dafür der richtige Ort?

          Traurige Berühmtheit

          Das Zauberwort der Wirtschaftsförderung heißt heute regionales Alleinstellungsmerkmal. In Deutschland sammelte sich das poetische Personal der Romantik vor allem in zwei sie inspirierende Zentren: Berlin und Jena einerseits und Frankfurt/Heidelberg als bipolarem Anziehungspunkt andererseits. Sammeln ist hier nicht als dauerhafte Residenz zu verstehen. Es war ein ständiges Kommen und Gehen wechselnder Figuren, situiert in den Schnittlinien des Reisens der Romantiker europaweit. Die politischen Verhältnisse um 1800 in der Stadt begünstigten das Szenario. Frankfurt war in Grenzen liberal - weniger aus Überzeugung denn aus händlerischem Kalkül. Hier durfte E. T. A. Hoffmann bei Friedrich Wilmans alles publizieren, was in Berlin wegzensiert wurde. Wohlstand, Verkehrslage, Liberalität, das lockte Emigranten aus ganz Europa an, die Hotels verdienten gut, und auch der Fernhändler Pietro Brentano mit den überspannten Kindern Clemens und Bettine.

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