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Appelbaum zur Spähaffäre : Der Feind in meinem Router

  • -Aktualisiert am

Jacob Appelbaum überraschte die Teilnehmer des Chaos Communication Congress mit einem spontanen Vortrag am letzten Tag Bild: dpa

Die Geheimdienste speichern alles, lesen aber nur auf richterliche Anordnung. Diese Sicht sei falsch, sagt der Aktivist Jacob Appelbaum: „Wer Maschinen kontrolliert, kontrolliert Menschen.“

          Es war kalt. Als der Bürgerrechtsaktivist Jacob Appelbaum Anfang der Woche in Hamburg eine spontane Pressekonferenz gab, bat er um eine Jacke. Man gab ihm eine. Bevor er sie aber anzog, warf er sie über sich und seinen Computer. Für eine Minute sollte niemand sehen, was er liest und was er auf der Tastatur schreibt. Journalisten, die das zum ersten Mal sahen, murmelten. Als Appelbaum wieder auftauchte, fragte er: „Hat mich gerade jemand paranoid genannt?“

          Diese Frage hätte man ihm auch schon während seines spontanen Vortrags auf dem Chaos Communication Congress stellen können, den er kurz zuvor gehalten hatte. Als er auf der Bühne plötzlich sein Handy brauchte, zog er es aus der Tasche, installierte den Akku und schaltete es ein. Was aber unterscheidet einen Aktivisten wie Appelbaum von anderen Menschen? Nichts. So zumindest lässt sich sein Vortrag zusammenfassen. Wenn das Handy der Kanzlerin gezielt abgehört wird und es zur Taktik der NSA gehört, das Umfeld jeder Zielperson auszuspähen, führt an keinem Deutschen der Weg vorbei.

          Über sechs Ecken soll jeder Mensch mit jedem Menschen auf der Welt verbunden sein, vermutete Stanley Milgram vor mehr als vierzig Jahren. Heute ist diese Zahl zumindest mathematisch bestätigt. Die NSA geht den halben Weg, sie verfolgt die Kontakte aller Zielpersonen über drei Ecken. Und sie macht es laut Appelbaum so: Sie durchkämmt das Netz nach Servern und Routern und infiziert sie bei Bedarf mit Software, die den Internetverkehr nicht nur ausliest, sondern auch manipuliert. Dieser Vorgang, dessen Ablauf Appelbaum schilderte, klang nach dem „Die-NSA-kann“-Gerede, das allgegenwärtig ist. Doch das war es nicht.

          Die Geheimdienste manipulieren den Datenverkehr

          Appelbaum zeigte vielmehr eine neue Seite auf: Es gehe nicht mehr nur um Spionage, sondern um Sabotage. Die Geheimdienste fischen nicht bloß die Daten ab, die sich in den Datenkabeln befinden, um sie zu speichern, bis sie per richterlicher Erlaubnis auch gelesen werden dürften. Sie greifen stattdessen in die Datenströme ein. Was sich so leicht sagt, stellte die Dienste allerdings vor ein Problem: Die Manipulation von Daten erfordert Zeit. Es ist unmöglich, die manipulierten Daten in den Strom zurückzugeben – weil dieser schließlich in Lichtgeschwindigkeit fließt.

          Die Geheimdienste fanden einen Weg: Sie nisteten sich auf privaten Routern ein, wie sie jeder in seiner Wohnung hat. Menschen, die am heimischen Computer Websites aufrufen, bekommen die manipulierte Version dieser Seiten direkt aus ihrem infizierten Router geliefert. Auch kleine Manipulationen können wirkungsvoll sein, wenn beispielsweise einem Download eine kleine Beigabe untergemischt wird.

          Appelbaum nannte eine: Auf dem Computer eines afrikanischen Journalisten habe er im Sommer eine kleine Datei gefunden, die regelmäßig Screenshots machte, um diese dann zu verschicken. Weil dem Programm ein Fehler innewohnte, klappte das Senden jedoch nicht. Es sammelten sich acht Gigabyte Screenshots auf dem Computer an, die irgendwann nicht mehr zu übersehen waren. Der Hack fiel auf.

          Nur ihr Budget setzt den Geheimdiensten Grenzen

          „Wenn wir von zehn Wegen wissen, auf denen die NSA unsere Computer hacken kann, gibt es eigentlich dreizehn und die NSA nutzt sie alle,“ sagte Appelbaum. „Allein das Budget der Geheimdienste setzt hier überhaupt noch Grenzen.“ Sollte die Gesetzeslage so bleiben, dass amerikanische Gesetze wie der „Computer Fraud and Abuse Act“ (CFAA) das Verwenden von Hackertechnologie verböten, während gleichzeitig die Geheimdienste „datentotalitaristische Ausspähprogramme“ schrieben, könne er nur von einer Tyrannei sprechen, sagte Appelbaum.

          Ein Beispiel, welches das Problem auch für Menschen veranschaulicht, die sich weniger intensiv mit ihrem Computer beschäftigen, nannte Appelbaum auch. So, wie die Geheimdiensten mit Datenpaketen im Internet umgehen, gehen sie mit Bestellungen, etwa von Amazon, um: Sie öffnen die Lieferungen und infizieren die Elektronik, die Menschen bestellten, bevor sie per Post bei ihnen einträfen.

          Das freie Internet als fixe Idee

          Das „freie Internet“ sei eine fixe Idee, sie verdecke, wie das Netz tatsächlich als „Maschine für taktische Überwachung“ verwendet werde. Das Wort „taktisch“ ist Appelbaum wichtig: Es gehe nicht um ziellose, verdachtsunabhängige Massenüberwachung. Es sei ein Trugschluss, zu glauben: „Sie finden mich nicht, ich bin uninteressant.“ Die Geheimdienste wollten die „Kontrolle über die Maschinen, weil sie darüber die Menschen kontrollieren“ könnten, sagte Appelbaum. Mit dieser Einschätzung stand er auf dem Chaos Communication Congress nicht allein. Der Podcaster Tim Pritlove eröffnete die Veranstaltung mit dem Satz: „Wir sind aus einem schlechten Traum aufgewacht, und die Realität war noch viel schlimmer.“

          Selbst Menschen, die sich selbst nicht als Hacker beschreiben, aber das Internet als ihre Lebensgrundlage sehen, haben in den vergangenen Monaten umgedacht. Der Autor Sascha Lobo schrieb kürzlich, das Internet habe sich „als Weltüberwachungsmaschine entpuppt, mit der man nebenher Flüge buchen kann“. Der Berliner Piratenabgeordnete Christopher Lauer sagte in einem Podcast, er frage sich „inzwischen ernsthaft, ob es tatsächlich eine sinnvolle Anwendung für das Internet überhaupt gibt, oder ob der gesamtgesellschaftliche Schaden nicht größer ist als der Nutzen.“

          Glenn Greenwald, der Journalist und Snowden-Vertraute, stellte am vergangenen Wochenende fest, dass noch nicht entschieden sei, ob sich das Internet zum „schlimmsten Werkzeug der Repression in der Menschheitsgeschichte“ entwickeln werde.

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