https://www.faz.net/-gqz-14y4t

Apologie des Kredits : Die Droge der Ökonomie

  • -Aktualisiert am

Wohlstandsmotor des Kapitalismus: der Kredit Bild: AFP

Verschuldung gilt als moralischer Makel. Doch wo wäre die Menschheit eigentlich heute, wenn keiner je Schulden gemacht hätte? Erst der Kredit hat den Kapitalismus richtig in Fahrt gebracht, meint Thomas Strobl.

          „Mach bloß keine Schulden!“, sagte meine Mutter immer zu mir. Ihnen erging es da womöglich genau so. Schulden hat man nicht. Über den netten Unternehmer in der Nachbarschaft wussten wir ja immer schon: Haus, Auto, Boot – „das gehört doch in Wahrheit alles der Bank“. Wer Schulden hat, lebt moralisch fragwürdig, so will es die populäre Alltagsethik. Auch heute noch: Das abendliche Insolvenz-Entertainment im Fernsehen verzeichnet Spitzenquoten; Dutzende Ratgeber zum Thema „Raus aus den Schulden“ führen die Bestsellerlisten an. All diese Menschen können nicht irren: Schulden waren und sind ein moralischer Makel.

          Und auf nationaler Ebene erst, da ist es noch viel schlimmer: Die Staatsschulden werden uns umbringen! Völlig klar. Und unsere Kinder mit dazu. Und die Enkel. Rekorddefizite, wohin das Auge reicht. Nein: Die Zukunft ist schon zu Ende, noch bevor sie richtig begonnen hat. Ein Graus.

          Kredite sind Zeitmaschinen

          Und doch: Wo wäre die Menschheit heute, wenn keiner je Schulden gemacht hätte? Erst die Erfindung des Kredits ermöglichte die Errungenschaften der Moderne: die großen Werke, die selbst Karl Marx und Friedrich Engels ins Schwärmen versetzten. Der Kredit ist der Wohlstandsmotor des Kapitalismus. Er treibt eine Zeitmaschine an, mit der wir in die Zukunft reisen. Dort pflücken wir die Früchte von morgen, um sie bereits heute zu genießen. Nur so kommt Wachstum zustande. Unser wirtschaftlicher Wohlstand ist daher im wahrsten Sinne des Wortes der Zukunft geschuldet.

          Und Joseph Schumpeters „kreativen Zerstörern“. Sie sind die Schrittmacher der wirtschaftlichen Entwicklung. Indem sie den bestehenden Verhältnissen ihren Stempel aufdrücken, den Wettbewerb durch Innovation zu ihren Gunsten verändern, sichern sie sich die Pole Position im Grand Prix der Marktwirtschaft. Doch bevor sie sich heldenhaft in die Schlacht stürzen können, müssen sie sich erst einmal Kapital besorgen. Daher sind sie verschuldet bis zur Halskrause, noch bevor es richtig losgeht: „Ihr erstes Bedürfnis ist ein Kreditbedürfnis“, schrieb Schumpeter im Jahr 1911. Deutlicher kann man es nicht sagen. Schon die ehrbaren Kaufleute des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts wussten: Man kann sich nicht reich sparen, sondern nur reich investieren. Und dafür braucht es nun einmal Kredit. Wie schließlich auch Thomas Manns „Buddenbrooks“ einsehen müssen, deren Motto seit je lautete: „Sey mit Lust bey den Geschäften am Tage, aber mache nur solche, daß wir bey Nacht ruhig schlafen können.“

          Konsul Johann Buddenbrook, „diesen Grundsatz heilig haltend bis an sein Lebensende“, kann daher nur ungläubig mit ansehen, wie sein Konkurrent Hagenström kreditfinanziert an ihm vorbeizieht, während seine eigenen Geschäfte einen „allzu ruhigen Gang gehen“. Als schumpeterscher Unternehmer ist der alte Buddenbrook damit bereits am absteigenden Ast. Hilflos muss er zusehen, wie Hagenström sich neuer Finanztechniken geschickt bedient und ihm die Butter vom Brot stiehlt. Nachfolger Thomas Buddenbrook ist da aus anderem Holz geschnitzt: Schon bald nach seiner Geschäftsübernahme zeigt sich, dass „ein genialerer, ein frischerer und unternehmenderer Geist den Betrieb beherrscht“. Dass er dabei nicht immer eine glückliche Hand bewies, steht auf einem anderen Blatt.

          Schöpferkraft des Kredits

          Der erste Unternehmer, der sich im Kredit verschuldete, stieß für die gesamte Menschheit das Tor zur Moderne auf: Kaufkraft war nicht mehr nur auf die Quellen der Gegenwart begrenzt, sondern floss ab sofort aus einer ideell verfügbaren Zukunft. Entgegen einer weit verbreiteten Vorstellung handelt es sich beim Kredit nicht um „Leihe“: um die Überlassung von bestehendem Geld, das emsige Sparer auf die Seite gelegt hätten; sondern es geht um die Schaffung frischen Geldes und damit zusätzlicher Kaufkraft aus dem buchstäblichen „Nichts“.

          Ein alchimistischer Prozess. Ein moderner Stein der Weisen. Goethe setzte dem Kredit im zweiten Teil des „Faust“ ein literarisches Denkmal: Jeder Schuldvertrag ist ein Pakt über die Zukunft, der das Morgen bereits im Heute verfügbar macht. Ein teuflischer Pakt, denn die Zukunft ist unsicher: Sie kann so oder so eintreten, aber auch noch ganz anders. Unternehmer, die auf Kredit investieren, müssen sich aber im Voraus festlegen – und liegen damit oft falsch. Denn die Zukunft ist ein Marxist: Sie schert sich einen Dreck um die Unternehmer.

          Schulden sind Leistungsversprechen. Wer sie eingeht, muss um das berühmte Quentchen besser sein, um sie einlösen und damit gleichzeitig wieder loswerden zu können. Dieser heute so banal anmutende Vorgang bringt das kapitalistische Herz zum Schlagen. Und beeindruckte damit große Autoren aller Epochen: „Der Kapitalismus ist vermutlich der erste Fall eines nicht entsühnenden, sondern verschuldenden Kultus“, schrieb Walter Benjamin in seinem berühmten Fragment „Kapitalismus als Religion“. „Ein ungeheures Schuldbewusstsein, das sich nicht zu entsühnen weiß, greift zum Kultus, um in ihm diese Schuld nicht zu sühnen, sondern universal zu machen.“ Besser kann man den Kapitalismus gar nicht beschreiben, der sich immer wieder durch neue Schulden reproduzieren, sprich: Neuschuldner rekrutieren muss, die Altschuldner ablösen; und der auf der verzweifelten Suche nach Letzteren in immer neue und intimere Lebensbereiche eindringt, die bis vor kurzem noch absolut tabu für das Ökonomische waren.

          Tacitus über die Banken

          Oft genug verläuft die Anwerbung neuer Jünger aber ergebnislos: Klar, dass damit gleichzeitig die Kreditkrise in der Welt ist. Auch sie hat Tradition: Schon der römische Historiker Tacitus weiß von einer solchen Krise um 33 nach Christus zu berichten. Sie nahm ihren Ursprung in zwielichtigen Geschäften der damaligen Geldhäuser, führte zu einem Bankrun und drohte schließlich in einer allgemeinen Kreditklemme zu enden. Worauf sich Kaiser Tiberius schließlich gezwungen sah, einen Rettungsschirm in Höhe von einhundert Millionen Sesterzen aufzulegen.

          Klingt vertraut? Hatten Sie neulich erst darüber gelesen, aber in dem Artikel ging es nicht um das Jahr 33, sondern vielmehr 2009 nach Christus? Sie sehen: Für Drogen gilt seit Jahrtausenden die immer gleiche Regel: in der richtigen Dosierung ein belebendes Elixier, in der falschen jedoch tödliches Gift. Beim Kredit ist das nicht anders: Er ist die Droge der Ökonomie.

          Weitere Themen

          Fans gedenken Michael Jackson Video-Seite öffnen

          Zehn Jahre nach dem Tod : Fans gedenken Michael Jackson

          Zehn Jahre nach seinem Tod ist er für sie immer noch ein Idol - trotz der Missbrauchsvorwürfe. Hunderte Menschen versammelten sich vor dem Forest-Lawn-Friedhof oder auf dem „Walk of Fame“ um dem „King of Pop“ zu gedenken.

          Zwischen Horrorfilm und Neorealismus Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Wo ist Kyra?" : Zwischen Horrorfilm und Neorealismus

          "Wo ist Kyra?" von Fotograf Andrew Dosunmu ist ein Hollywood-Film und Arthouse zugleich. Und beides auch wieder nicht. Denn die Zielgruppen beider Genre müssen sich an etwas gewöhnen, das sie sonst ablehnen. Warum der Film sowohl inhaltlich als auch künstlerisch sehenswert ist, verrät F.A.Z.-Redakteur Dietmar Dath.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.