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Apologie des Kredits : Die Droge der Ökonomie

  • -Aktualisiert am

Wohlstandsmotor des Kapitalismus: der Kredit Bild: AFP

Verschuldung gilt als moralischer Makel. Doch wo wäre die Menschheit eigentlich heute, wenn keiner je Schulden gemacht hätte? Erst der Kredit hat den Kapitalismus richtig in Fahrt gebracht, meint Thomas Strobl.

          „Mach bloß keine Schulden!“, sagte meine Mutter immer zu mir. Ihnen erging es da womöglich genau so. Schulden hat man nicht. Über den netten Unternehmer in der Nachbarschaft wussten wir ja immer schon: Haus, Auto, Boot – „das gehört doch in Wahrheit alles der Bank“. Wer Schulden hat, lebt moralisch fragwürdig, so will es die populäre Alltagsethik. Auch heute noch: Das abendliche Insolvenz-Entertainment im Fernsehen verzeichnet Spitzenquoten; Dutzende Ratgeber zum Thema „Raus aus den Schulden“ führen die Bestsellerlisten an. All diese Menschen können nicht irren: Schulden waren und sind ein moralischer Makel.

          Und auf nationaler Ebene erst, da ist es noch viel schlimmer: Die Staatsschulden werden uns umbringen! Völlig klar. Und unsere Kinder mit dazu. Und die Enkel. Rekorddefizite, wohin das Auge reicht. Nein: Die Zukunft ist schon zu Ende, noch bevor sie richtig begonnen hat. Ein Graus.

          Kredite sind Zeitmaschinen

          Und doch: Wo wäre die Menschheit heute, wenn keiner je Schulden gemacht hätte? Erst die Erfindung des Kredits ermöglichte die Errungenschaften der Moderne: die großen Werke, die selbst Karl Marx und Friedrich Engels ins Schwärmen versetzten. Der Kredit ist der Wohlstandsmotor des Kapitalismus. Er treibt eine Zeitmaschine an, mit der wir in die Zukunft reisen. Dort pflücken wir die Früchte von morgen, um sie bereits heute zu genießen. Nur so kommt Wachstum zustande. Unser wirtschaftlicher Wohlstand ist daher im wahrsten Sinne des Wortes der Zukunft geschuldet.

          Und Joseph Schumpeters „kreativen Zerstörern“. Sie sind die Schrittmacher der wirtschaftlichen Entwicklung. Indem sie den bestehenden Verhältnissen ihren Stempel aufdrücken, den Wettbewerb durch Innovation zu ihren Gunsten verändern, sichern sie sich die Pole Position im Grand Prix der Marktwirtschaft. Doch bevor sie sich heldenhaft in die Schlacht stürzen können, müssen sie sich erst einmal Kapital besorgen. Daher sind sie verschuldet bis zur Halskrause, noch bevor es richtig losgeht: „Ihr erstes Bedürfnis ist ein Kreditbedürfnis“, schrieb Schumpeter im Jahr 1911. Deutlicher kann man es nicht sagen. Schon die ehrbaren Kaufleute des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts wussten: Man kann sich nicht reich sparen, sondern nur reich investieren. Und dafür braucht es nun einmal Kredit. Wie schließlich auch Thomas Manns „Buddenbrooks“ einsehen müssen, deren Motto seit je lautete: „Sey mit Lust bey den Geschäften am Tage, aber mache nur solche, daß wir bey Nacht ruhig schlafen können.“

          Konsul Johann Buddenbrook, „diesen Grundsatz heilig haltend bis an sein Lebensende“, kann daher nur ungläubig mit ansehen, wie sein Konkurrent Hagenström kreditfinanziert an ihm vorbeizieht, während seine eigenen Geschäfte einen „allzu ruhigen Gang gehen“. Als schumpeterscher Unternehmer ist der alte Buddenbrook damit bereits am absteigenden Ast. Hilflos muss er zusehen, wie Hagenström sich neuer Finanztechniken geschickt bedient und ihm die Butter vom Brot stiehlt. Nachfolger Thomas Buddenbrook ist da aus anderem Holz geschnitzt: Schon bald nach seiner Geschäftsübernahme zeigt sich, dass „ein genialerer, ein frischerer und unternehmenderer Geist den Betrieb beherrscht“. Dass er dabei nicht immer eine glückliche Hand bewies, steht auf einem anderen Blatt.

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