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Apologie des Kredits : Die Droge der Ökonomie

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Schöpferkraft des Kredits

Der erste Unternehmer, der sich im Kredit verschuldete, stieß für die gesamte Menschheit das Tor zur Moderne auf: Kaufkraft war nicht mehr nur auf die Quellen der Gegenwart begrenzt, sondern floss ab sofort aus einer ideell verfügbaren Zukunft. Entgegen einer weit verbreiteten Vorstellung handelt es sich beim Kredit nicht um „Leihe“: um die Überlassung von bestehendem Geld, das emsige Sparer auf die Seite gelegt hätten; sondern es geht um die Schaffung frischen Geldes und damit zusätzlicher Kaufkraft aus dem buchstäblichen „Nichts“.

Ein alchimistischer Prozess. Ein moderner Stein der Weisen. Goethe setzte dem Kredit im zweiten Teil des „Faust“ ein literarisches Denkmal: Jeder Schuldvertrag ist ein Pakt über die Zukunft, der das Morgen bereits im Heute verfügbar macht. Ein teuflischer Pakt, denn die Zukunft ist unsicher: Sie kann so oder so eintreten, aber auch noch ganz anders. Unternehmer, die auf Kredit investieren, müssen sich aber im Voraus festlegen – und liegen damit oft falsch. Denn die Zukunft ist ein Marxist: Sie schert sich einen Dreck um die Unternehmer.

Schulden sind Leistungsversprechen. Wer sie eingeht, muss um das berühmte Quentchen besser sein, um sie einlösen und damit gleichzeitig wieder loswerden zu können. Dieser heute so banal anmutende Vorgang bringt das kapitalistische Herz zum Schlagen. Und beeindruckte damit große Autoren aller Epochen: „Der Kapitalismus ist vermutlich der erste Fall eines nicht entsühnenden, sondern verschuldenden Kultus“, schrieb Walter Benjamin in seinem berühmten Fragment „Kapitalismus als Religion“. „Ein ungeheures Schuldbewusstsein, das sich nicht zu entsühnen weiß, greift zum Kultus, um in ihm diese Schuld nicht zu sühnen, sondern universal zu machen.“ Besser kann man den Kapitalismus gar nicht beschreiben, der sich immer wieder durch neue Schulden reproduzieren, sprich: Neuschuldner rekrutieren muss, die Altschuldner ablösen; und der auf der verzweifelten Suche nach Letzteren in immer neue und intimere Lebensbereiche eindringt, die bis vor kurzem noch absolut tabu für das Ökonomische waren.

Tacitus über die Banken

Oft genug verläuft die Anwerbung neuer Jünger aber ergebnislos: Klar, dass damit gleichzeitig die Kreditkrise in der Welt ist. Auch sie hat Tradition: Schon der römische Historiker Tacitus weiß von einer solchen Krise um 33 nach Christus zu berichten. Sie nahm ihren Ursprung in zwielichtigen Geschäften der damaligen Geldhäuser, führte zu einem Bankrun und drohte schließlich in einer allgemeinen Kreditklemme zu enden. Worauf sich Kaiser Tiberius schließlich gezwungen sah, einen Rettungsschirm in Höhe von einhundert Millionen Sesterzen aufzulegen.

Klingt vertraut? Hatten Sie neulich erst darüber gelesen, aber in dem Artikel ging es nicht um das Jahr 33, sondern vielmehr 2009 nach Christus? Sie sehen: Für Drogen gilt seit Jahrtausenden die immer gleiche Regel: in der richtigen Dosierung ein belebendes Elixier, in der falschen jedoch tödliches Gift. Beim Kredit ist das nicht anders: Er ist die Droge der Ökonomie.

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