https://www.faz.net/-gqz-79f6o

Antrag auf Gläubigerschutz : Der Suhrkamp-Kampf

Dank der letztjährigen Reform des Insolvenzrechts hat Suhrkamp nach seinem Schutzschirmantrag drei Monate lang Zeit, um ein Sanierungskonzept zu erarbeiten. Ein Befreiungsschlag für den wichtigsten deutschen Literaturverlag?

          1 Min.

          Es soll der Befreiungsschlag werden, mit dem Suhrkamp sich aus der erstickenden Umklammerung seines Minderheitengesellschafters Hans Barlach lösen will. Am Montag hat der international bekannteste und immer noch wichtigste deutsche Literaturverlag Insolvenz beantragt. Das heißt seit einer Gesetzesreform vor einem Jahr aber etwas anderes als zuvor: Ehe der Insolvenzverwalter auch nur seine Arbeit aufnimmt, hat der Verlag drei Monate lang Zeit, ein Sanierungskonzept zu erarbeiten und damit zu beweisen, dass das, was für eine Insolvenz die Voraussetzung darstellt – Überschuldung oder Zahlungsunfähigkeit –, noch zu vermeiden ist. In dieser Zeit genießt das Unternehmen Vollstreckungsschutz vor seinen Gläubigern – und auch vor den eigenen Gesellschaftern. Erst wenn dieser eigenverantwortliche Sanierungsversuch scheitern sollte, würde das Gericht einen Insolvenzverwalter bestellen, der dann das eigentliche Verfahren betreibt. Das wäre Routine im deutschen Unternehmensrecht.

          Kontinuität, Ruf und literarischer Anspruch

          Keinesfalls Routine aber ist, wie Suhrkamp zu diesem Schritt getrieben wurde. In den vergangenen Monaten hat es eine Kette von Prozessen zwischen dem Mehrheitseigner, der Unseld-Familienstiftung, und der mit 39 Prozent am Verlag beteiligten Medienholding von Hans Barlach gegeben. Alle bisherigen Urteile gaben Barlach recht, doch aus den daraus resultierenden finanziellen Forderungen an Suhrkamp resultiert jetzt die Lage des Verlags, die ihm den Schritt in die Insolvenz weist. Ein Hinauszögern hätte der Geschäftsführung, gegen deren Rechtmäßigkeit Barlach gleichfalls geklagt hat, den Vorwurf der Insolvenzverschleppung eintragen können - und natürlich wäre sie von Barlach dann wieder verklagt worden.

          Er hat als Eigentümer Anspruch auf Rendite, ist Eigner und Gläubiger zugleich, muss sich aber fragen lassen, ob ihm am Weiterbestand des Unternehmens Suhrkamp wirklich gelegen ist.

          Diese Frage stellt sich im Falle der Gegenseite nicht. Ulla Unseld-Berkéwicz, die gemäß dem Willen ihres 2002 verstorbenen Mannes Siegfried Unseld die Familienstiftung und damit auch den Verlag selbst leitet, hat nur ein Interesse: Kontinuität, Ruf und literarischen Anspruch zu wahren, wie es das Satzungsziel der Stiftung vorschreibt. Dazu gehören auch Investitionen in Autoren, die sich kaufmännisch vielleicht nie rechnen werden. Aber literarisch.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Folgen:

          Topmeldungen

          Unterricht zu Hause ist eine Herausforderung für die ganze Familie.

          Homeschooling : Warum ich als Hilfslehrerin versagt habe

          Eltern mussten in den vergangenen Wochen ihre Kinder zum Lernen bringen. Einige haben das mit Bravour gemacht – oder behaupten das zumindest. Unsere Autorin hat eine andere Erfahrung gemacht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.