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Der Fahrradhelm : Das begradigte Leben

  • -Aktualisiert am

Schutz für zerbrechliche Köpfe, die dennoch nicht aufhören, sich darüber Gedanken zu machen Bild: dpa

Auch ich trage jetzt einen Helm. Und bin wütend. Wahrscheinlich kommt die Wut von der Ohnmacht gegenüber dem unbesiegbaren Argument der Sicherheit. Sicherheit von morgens bis abends bis morgens. Und für alles einen Helm.

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          Nachdem nahezu die Hälfte meiner Familie mit Kopfverletzungen im Krankenhaus lag beziehungsweise liegt, habe ich mir einen Helm angeschafft. Weil ich inzwischen erahne, wie zerbrechlich so ein Schädel ist, und dass sein Inhalt, also das ganze biologische Material, was er durch seine Knochenwände beschützen soll, irgendwie einen Geist ergibt und dass dieser Geist zerstört werden kann.

          Der Helm liegt jetzt immer auf der Bank in der Küche, damit ich mich nicht damit rausreden kann, ich habe ihn vergessen. Aufgesetzt sieht der Helm, man kann es nicht anders sagen, scheiße aus. Keine Frisur mehr möglich, der Helm macht jedes Kleid, jeden Schuh – der Helm macht einfach alles lächerlich. Ja, denke ich dann mit dem Scheißding auf dem Kopf, aber du liebst deine Familie, denen du noch einen verletzen Schädel einfach nicht zumuten kannst.

          Sei nicht so eitel, so überheblich, sei ganz einfach nicht dumm (wenngleich die Frage, ob ein Fahrradhelm das Leben eines Fahrradfahrers nun tatsächlich sicherer macht umstritten ist. So gibt es eine britische Studie, die zu dem Ergebnis kommt, dass man mit Helm auf dem Kopf versauter fährt und dass sich Autofahrer, wenn sie einen Helm sehen, ebenfalls schlechter benehmen. Dennoch sagt mir mein Verstand, dass es für einen Kopf, der auf den Asphalt knallt, besser ist, wenn zwischen dem Asphalt und dem Kopf etwas ist).

          Das „Mad-Men“-Prinzip bedeutet: Die Folgen sind mir egal. Eine Szene aus der Fernsehserie „Mad Men“
          Das „Mad-Men“-Prinzip bedeutet: Die Folgen sind mir egal. Eine Szene aus der Fernsehserie „Mad Men“ : Bild: dapd

          Okay, der Helm sieht also völlig daneben aus, aber das Argument eines toten oder nur noch ein bisschen funktionierenden Gehirns hat Recht. Und wahrscheinlich kommt die Wut auf den Helm von ganz woanders. Wahrscheinlich ist es die Ohnmacht gegenüber dem unbesiegbaren Argument der Sicherheit. Sicherheit von morgens bis abends bis morgens. Das beschützte, begradigte Leben.

          Freiheit und Vorsorge

          Die Freiheit beschränken, um eine Situation zu vermeiden, in der sie einem genommen werden könnte. Vorsorgen, das heißt, nicht rauchen, nicht trinken, jede Form des Exzesses vermeiden. Mindestens eineinhalb Liter Wasser pro Tag. Tee statt Kaffee. Zu salzig ist schlecht. Die Haut mit Lichtschutzfaktor 30 eincremen, mindestens. Noch besser mit Sonnenhut nach draußen gehen, aber wirklich sicher wäre nur ein Helm, denn statistisch gesehen sterben mehr Fußgänger als Radfahrer. Den durch den hohen Sonnenschutz entstehenden Vitamin-D-Mangel mit Vitamin-D-Präparaten ausgleichen.

          Sport machen, denn wer nicht früh Sport macht, wird später bestraft. Den völlig unergonomischen Bürostuhl vielleicht besser durch einen blauen oder türkisfarbenen Sitzball austauschen, sonst bekommt man Schwierigkeiten mit dem Rücken. Sich komplett kastrieren lassen (kastrieren, weil Wildheit und Risikobereitschaft eben typischerweise Männern zugeschrieben wird). Wenig Fleisch, besser gar keins.

          Noch besser auch auf Milch und Eier verzichten. Deodorants, die Aluminium enthalten, sollen übrigens krebserregend sein, die Deodorant-Hersteller haben dieses Problem bereits erkannt und bieten nun Deos ohne Aluminium an, mit denen man zwar ein bisschen stinkt, aber immerhin keinen Krebs bekommt, wenigstens nicht von den Deos.

          Gegen die Angst vor Krebs, Unfällen und Unzulänglichkeit hilft meditieren. Eine Psychotherapie kann dabei helfen, Zwänge und Merkwürdigkeiten, die Ihre Persönlichkeit mit Sicherheit irgendwo aufweist, zu beseitigen, und dadurch erleichtern sie sich und ihren Mitmenschen das Leben, es geht dann alles ein wenig geräuschloser. Man kann diverse Spezialisten beschäftigen, die einem das Leben spezialisieren und verbessern, bis es einem speziell und gut erscheint.

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