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Der Fahrradhelm : Das begradigte Leben

  • -Aktualisiert am

Vielleicht auch daher die reflexhafte Verachtung für das Sicherheitsprinzip. Weil es als unmännlich gilt, Angst offen zuzugeben und sich zu kümmern. (Don Draper mit einem Helm? Lustig.) Und dennoch will man das beschriebene männliche Prinzip aus den späten Sechzigern auf keinen Fall gegen das Sicherheitsprinzip tauschen, selbst dann nicht, wenn es einen zu Tode versichert.

Das „Mad-Men“-Prinzip bedeutet: Die Folgen sind mir egal. Ich bin hier, und ich will etwas, egal, was es kostet und wer dabei zu Schaden kommt. Körper egal, Natur egal, also mir wirklich komplett scheißegal, ob mein Cadillac Fleetwood 30 Liter schluckt und keinem Platz lässt, außer mir, und natürlich rauche ich im Auto, während meine Kinder unangeschnallt auf der zwanzig Meter langen Rückbank sitzen; und klar interessiert es mich nicht, ob das Zeug, was aus meinem Auspuff kommt, irgendwann zur Erderwärmung beiträgt, denn diese Erde gehört mir.

Hässliche Sicherheitszone

Und abgesehen davon, schreiben die Zeitungen in den sechziger Jahren eher selten über den Klimawandel. Der Mensch heute aber weiß, dass es diesen Klimawandel (die Folgen des Passivrauchens etc.) gibt, und dieses Wissen verpflichtet ihn, ganz egal, ob der Cadillac und die brennende Zigarette die tausend Mal bessere Geschichte ergeben.

Der Mensch heute weiß eine Menge, und wenn er sich nicht so verhält, macht er sich schuldig, weswegen er sich einen Helm aufsetzt. Man kann darüber lachen, aber derjenige, der da lacht, ist ein alternder Mann, der einen Drink in der Hand hält, der Kellnerin (Sekretärin, Empfangsdame) in den Hintern kneift und in ein paar Jahren an einem Herzinfarkt stirbt, und seine Kinder werden sich sehr gut überlegen, ob sie zur Beerdigung kommen werden, weil sie ihn einfach viel zu selten gesehen haben.

Dennoch: Die Sicherheitszone ist auf ihre Weise genauso hässlich. Ein Mann mit bleicher Haut und einem Helm auf dem Kopf, der nicht mehr mit Frauen spricht, weil er denkt, das sei sexistisch, und die dazu gehörige Frau sieht ihm ziemlich ähnlich, denn Highheels sind unpraktisch, ungesund und vermitteln Hilflosigkeit, also ein ungleiches Machtverhältnis; aber das Ziel ist das Gegenteil, nämlich die Gleichheit, die Geräuschlosigkeit und Zusammenstoßvermeidung, und dieser Idee wird der Geschmack untergeordnet, das heißt: So sieht es draußen aus, wenn man in Gegenden geht, in denen Menschen studiert haben und in Altbauwohnungen wohnen.

Obsessive Selbstbeobachtung

Was diese Menschen so unsympathisch macht, ist auch, dass die obsessive Selbstbeobachtung und Selbstbekuschelung natürlich verhindert, dass man auf etwas anderes achtet, als sich selbst, zumal das Angebot an Selbstbeschäftigungsmöglichkeiten Bedürfnisse vermittelt, von denen man vorher gar nicht wusste, man also eine Menge Zeit in sich investieren muss.

Was daraus folgt, weiß ich nicht. Vermutlich nichts. Junge Menschen reagieren darauf, indem sie sich kleiden, als gehörten sie einer Terrorgruppe an, und Journalisten versuchen, speziell radikale Texte (häufig voller Hass und Ressentiment gegen den modernen Sicherheitsmenschen und seine Kastration, das heißt, ihre eigene) zu schreiben, was das Vakuum aber nur noch schlimmer macht.

Denn man kann ja nicht zurück hinter das, was man weiß. Man kann sich nicht einen Helm auf den Kopf setzen und so tun, als wäre da keiner. Das wirkt völlig lächerlich.

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