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Der Fahrradhelm : Das begradigte Leben

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Auch Erstklässler müssen schon hart an der Risikominimierung im Dasein arbeiten
Auch Erstklässler müssen schon hart an der Risikominimierung im Dasein arbeiten : Bild: dpa

Es empfiehlt sich zum Beispiel ein Ernährungsberater, denn vielleicht wissen Sie bislang einfach noch nicht, dass Sie Gluten nicht vertragen und dass Ihr Wohlfühlgewicht eigentlich ganz woanders liegt. Sie können also viel dafür tun, ein gesundes und glückliches Leben zu führen. Alles ist da. Die Informationen und die Spezialisten.

Wenn Sie Ihr Leben nicht dementsprechend ausrichten, tragen allein Sie die Schuld dafür. Legen sie ihr Leben in einen Helm, damit nichts dran kommt. Ihren Sport, Ihren Sex, Ihre Liebe, Ihre Freundschaften, Ihre Haut, Ihre Verdauung, Ihre Eizellen, Ihre Kinder, Ihre Kaffeemaschine – legen Sie all das in einen Helm, und seien Sie sicher, dass es für alles den passenden Helm gibt.

Es ist ein Reflex und zu billig, die beschriebene Form des verhinderten Lebens zu verabscheuen (wenngleich ich das, mit dem Helm auf dem Kopf, immer wieder tue. Etwa, wenn ich plötzlich an Kreuzungen von anderen Helmträgern in Gespräche über gefährliche Verkehrssituationen verwickelt werde, wobei sich jene Helmträger früher niemals mit mir unterhalten hätten und es jetzt nur tun, weil sie mich als Teil ihres bescheuerten Sicherheitsteams identifiziert haben, und glauben, wir seien auf der gleichen Seite).

Wir Selbstverbesserer

Auf der Seite des sicheren Lebens stehen die Argumente dafür, da liegen als Horrorszenario ein zertrümmerter Kopf und eine kaputte Leber, liegen Dinge, vor denen man sich schützen und die man nicht haben will. Es ist eigentlich ganz einfach: Tust du dies, passiert das, also tust du es nicht. Aber natürlich hilft einem auch die Selbstbeschützer- und Selbstverbesserungsindustrie und bringt einen zusätzlich auf Ideen.

Wenn man ein langes, gesundes Leben als das höchste Gut betrachtet, kann man das als einen Fortschritt auffassen. Auf der anderen Seite steht, ikonenhaft, das dreckige, glänzende und freie Leben. Etwa so, wie in „Mad Men“, der amerikanischen Fernsehserie über die Werbebranche in New York, die insofern ein gutes Vergleichsmaterial ist, als die Werbemänner, genau wie die modernen Sicherheitsmenschen, mit den finanziellen Mitteln und dem kulturellen Kapital ausgestattet sind, das es ihnen erlaubt, bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen als erste zu vollziehen.

Die Bilder aus „Mad Men“ sind warm und, na ja, juicy. Die Farben tropfen. Mehr Geruch, weil immer geraucht wird. Mehr Schweiß, weil Männer nahezu ausnahmslos ihre Ehefrauen betrügen. Mehr Steaks, mehr Drinks, mehr Zusammenbrüche. Mehr Selbstmorde und Abgründe, weil die therapeutische Kultur, von der heute nahezu jedes modernes Gehirn gelernt hat, das man seine Gespenster hervorholen, betrachten und anderen zeigen muss, damals noch nicht verbreitet war und sich die Männer aus „Mad Men“ erst dann offenbaren, wenn sie sich bereits erhängt haben oder die Scheidung beschlossen ist.

Mehr Schweigen also. Mehr Zusammenstöße, weil zwei damals noch getrennte Welten aufeinander prallen: die weibliche und die männliche. Männer bestimmen diese Welt, und insofern passt das vorhin formulierte Bild der Kastration für das Gefühl der Entmachtung, das entsteht, wenn man das eigene Leben dem Gebot der Sicherheit und des Improvements unterordnet.

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