https://www.faz.net/-gqz-7s5ly

Antisemitismus : Wann kommt der Religionsdialog im Fernsehen an?

Die Angriffe auf Menschen jüdischen Glaubens mehren sich. Antisemitismus tritt immer unverhohlener auf. Was die Öffentlich-Rechtlichen dagegen tun könnten.

          1 Min.

          Woher kommt der Antisemitismus? Die Frage wird jetzt allenthalben gestellt, angesichts des unverhohlenen Judenhasses, der die Demonstrationen gegen Israel prägt. Es scheint, als seien manche erst jetzt aufgewacht. Dabei sind die Zeichen unmissverständlich. In Deutschland werden Juden diffamiert und angegriffen. Vor zwei Jahren wurde in Berlin ein Rabbiner auf offener Straße niedergeprügelt. Die Täter, vermutlich arabischer Herkunft, wie es hieß, hatten ihn, der mit seiner sechsjährigen Tochter unterwegs war, angesprochen und gefragt: „Bist du Jude?“ Vor einem Jahr wurde in Offenbach ein Rabbiner von Jugendlichen attackiert. Wer sich in der Öffentlichkeit als Jude erkennbar zeigt, muss mit dem Schlimmsten rechnen. Antisemiten bevorzugten bis vor Jahren noch die Anonymität, heute zeigen sie sich offen.

          Ignorieren lässt sich der Antisemitismus nicht mehr. Verdrängen lässt sich auch nicht mehr der Zusammenhang mit dem Islamismus. Dessen Ausgreifen wird gerne vernachlässigt. Aufgewacht wären Öffentlichkeit und Politik wohl nur, wenn bei einem der Attentate in diesem Land, die nur durch puren Zufall nicht zu ihrem verheerenden Ziel führten, die Bomben doch hochgegangen wären - am Kölner Hauptbahnhof im Juli 2006 oder in Bonn im Dezember 2012. Herausgefordert durch die Bedrohung sind Politik und Gesellschaft und auch die Medien. Sie müssen die Differenz zwischen Islam und Islamismus herausarbeiten. Sie finden eine Aufgabe darin, einen friedlichen, von gegenseitigem Respekt und der Anerkenntnis der freiheitlich demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland geprägten Dialog der Religionen mitzugestalten.

          Das klingt schön pathetisch, ist aber nichts anderes als eine grundlegende Notwendigkeit. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk könnte sich dabei insbesondere beweisen. Dabei fällt eines auf: Die christlichen Kirchen sind bei ARD und ZDF vertreten, in den Gremien und im Programm - im Radio und im Fernsehen. Und auch Muslime haben die Gelegenheit, die Dinge aus ihrer Sicht zu präsentieren - etwa im „Forum am Freitag“ bei ZDFneo. Warum gibt es so etwas für die Juden in Deutschland nur in den ARD-Kulturradios und im Deutschlandradio? Das Fernsehen sollte gleichziehen. Es ist höchste Zeit.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Mein Land, zerrissen und in Flammen

          Rassenunruhen in Amerika : Mein Land, zerrissen und in Flammen

          Vor mehr als fünfzig Jahren sah ich als Kind Detroit brennen. Jetzt brennt das Land wieder. Was werden meine Kinder einst über die Gegenwart denken, und wie wird dann ihre Zukunft aussehen?

          Topmeldungen

          Schulen und Kindergarten virenfrei? Kurz vor Pfingsten wurden in einem Kindergarten in Athen die Lockerungsmaßnahmen aus dem Lockdown vorbereitet.

          Verbesserte Drosten-Studie : Kein bisschen Rückzieher

          Es darf weiter gestritten werden, ob Kinder so ansteckend sind wie Erwachsene. Eins haben die gescholtenen Charité-Forscher um Christian Drosten mit ihrer umgearbeiteten Viruslast-Studie gezeigt: Gute Kritik ist die beste Medizin.
          Wenn Flieger stillstehen, hilft der Staat.

          Hilfen für die Industrie : „Peinlich und rückwärtsgewandt“

          Die Förderung einzelner Branchen wie der Autoindustrie und von Fluggesellschaften führt zu wettbewerbsrechtlichen Problemen. Daniel Zimmer, früherer Chef der Monopolkommission, kritisiert das deutsche Konjunkturpaket.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.