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Antisemitismus : Todesliebe als Politik

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Eine Pro-Israel Demonstration auf dem Opernplatz in Frankfurt am Main: „2000 Jahre Antisemitismus sind genug“. Bild: dpa

Antisemitismus ist einfach irre nützlich. Er entspringt einer fundamentalen Verzagtheit an der Moderne und reduziert die Komplexität der Probleme auf eine Ursache.Neid und Hass gehen dabei Hand in Hand.

          Die Freunde und Förderer der Hamas bewegen sich in einer fremden Welt, die doch einmal die unsere war. Als mein 1918 geborener französischer Großvater vom Kind zum jungen Mann wurde, umgab ihn die Verherrlichung des Todes. Als Soldat, der er wie alle Jungen werden sollte, war ihm zumindest der Heldentod im Kampf gegen den deutschen Erbfeind versprochen und als Messdiener bei finsteren Priestern ein besseres Leben erst, nachdem er dieses irdische beendet haben würde.

          Beides ergänzte sich und lief, so sah er es früh, auf nichts Gutes hinaus. Eine laizistische Schulbildung, der pure Zufall und eine günstige europäische Geschichte eröffneten seinem Leben noch mal einen Ausgang aus der, wie Erich Fromm das später nennen sollte, nekrophilen Kultur des alten Europas. Für viele Palästinenser, Araber und andere Bewohner der autoritären islamistischen Regime aber ist nekrophile Kultur die Lebensrealität.

          Religiös verkleideter Wahnsinn

          Ayaan Hirsi Ali hat in ihren Erinnerungen detailliert beschrieben, wie man ihr in einer kenianischen Schule beibrachte, Juden an ihren Hörnern zu erkennen. Sie hatte natürlich nie einen gesehen. Niemand, den sie kannte, hatte je einen Juden gesehen. Das war auch ganz egal, es war sogar umso besser. Darum ist ja Juden die Reise etwa nach Saudi-Arabien bis heute gänzlich verboten.

          Muslime weltweit, aber auch die Untertanen anderer Drucksysteme werden permanent mit der Obsession ihrer Machthaber bezüglich des Juden terrorisiert. Eine Welt ohne Israel ist dann die ganz große Erlösungshoffnung. Bis dahin heißt es leiden, und zwar möglichst tapfer. Und dieser religiös verkleidete Wahnsinn treibt nun auch die wütenden jungen Männer und Frauen Europas, in den Banlieues oder im Umfeld der salafistischen Gemeinden in Deutschland, um.

          Es funktioniert immer wieder – und je unübersichtlicher die Zeiten werden, desto perfekter. Antisemitismus ist einfach irre nützlich. Man sollte nie vergessen, dass es sich hierbei auch um ein politisches Instrument handelt. Niemand hat dessen Wirkung besser beschrieben als Jean-Paul Sartre in seinen 1946 erschienenen „Überlegungen zur Judenfrage“. So nützlich sei diese Geisteshaltung in mehrfacher Hinsicht, dass, so schreibt er, der Antisemit den Juden erfinden müsste, wenn es ihn nicht schon gäbe. Der Antisemitismus reduziert die Komplexität aller Frustrationen auf eine Ursache und deren Bekämpfung und verlangt nicht nach einer politischen oder sozialen Anstrengung. Es geht nur durch Mord.

          Angst vor der Welt

          Zugleich vermittelt sich dem Antisemiten das Bewusstsein, einer Elite anzugehören – ohne sich dafür besonders anstrengen zu müssen. Sartre beschreibt den Antisemiten als einen, der Angst hat: vor seinem Gewissen, seiner Freiheit, seinen Instinkten, der Verantwortung, der Einsamkeit, der Veränderung, der Gesellschaft und der Welt. Sein Hass richtet sich folglich gegen unsere Grundwerte. Antisemitismus entspricht einer fundamentalen Verzagtheit an der Moderne, die sich Herrscher potentiell instabiler Länder gut zu eigen machen können.

          Das geht fast überall. Wie wäre, gäbe es Israel nicht, die Bilanz der Hamas in Gaza? Was haben die gewählten Politiker getan, um die Zukunft ihrer Kinder zu sichern und das Leben der Menschen zu verbessern? Wie lebt es sich für die Mehrheit der Leute in Iran, wie in Saudi-Arabien? Was hat der politische Islam in diesen von der Natur und den Talenten der Jugend ihrer Bevölkerung so reich beschenkten Länder eigentlich erreicht in all den Jahren? Den Mächtigen dort bleibt nicht viel, außer den Verstand ihrer Bürgerinnen und Bürger durch den Appell an heftige Emotionen wie Rachebedürfnis, Neid und Hass zu vernebeln.

          All das erzeugt man mit dem Antisemitismus. Nach den Jahrzehnten des Terrorismus, der Bomben in Bussen, der Sprengstoffgürtel, der Raketen und Entführungen verhält sich die israelische Regierung paranoid, rücksichtslos und brutal – eben genau wie ein terrorisiertes und traumatisiertes Subjekt. Davon fühlen sich die professionellen und interessegeleiteten Antisemiten wieder bestätigt, allerdings fühlen sie sich immer bestätigt, solange es Israel gibt. Das Fazit von Sartre bleibt rundum gültig, wenn er feststellt, dass der Antisemitismus nicht das Problem der Juden ist, sondern unser Problem. Und dass kein Europäer sicher ist, solange ein Jude irgendwo auf der Welt um sein Leben fürchten muss.

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