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Antisemitismus-Studie : Unter Verschluß

  • -Aktualisiert am

Eine Studie über den wachsenden Antisemitismus in Europa liegt seit Januar dieses Jahres vor, wird aber von ihrer Auftraggeberin, einer Wiener EU-Behörde, nicht veröffentlicht - was in Israel für Beunruhigung sorgt.

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          Aus Europa erreichen die israelische Öffentlichkeit Nachrichten, die dazu angetan sind, den Eindruck zu erwecken, daß man in der Europäischen Union einer ernsthaften Auseinandersetzung mit dem einheimischen Antisemitismus ausweiche. Anlaß für die jüngste Aufregung liefert diesmal aber nicht die Veröffentlichung, sondern die Nichtveröffentlichung einer Untersuchung zum Thema Antisemitismus. Mit dieser war im Herbst des vergangenen Jahres das Berliner "Zentrum für Antisemitismusforschung" (ZfA) von einer Wiener Behörde der EU beauftragt worden, die den Namen "European Monitoring Centre on Racism and Xenophobia" (EUMC) trägt.

          Wie Juliane Wetzel, neben Werner Bergmann Autorin der Studie, im Gespräch mit dieser Zeitung erklärte, hatte die Untersuchung auch ergeben, daß unter dem Einfluß arabischer Medien und der von ihnen teilweise verbreiteten judenfeindlichen Stereotypen unter arabischen Jugendlichen in Ländern wie Frankreich oder Belgien antisemitisches Verhalten zunehme. Neben der wachsenden Vernetzung islamistischer und europäisch-rechtsradikaler Kreise fanden die Autoren der Studie heraus, daß sich mittlerweile auch Linksextremisten und Globalisierungsgegner, etwa auf propalästinensischen Demonstrationen, einer antisemitischen Sprache bedienten.

          Keine Erklärung

          Die Studie, obgleich schon Ende Januar dieses Jahres vorgelegt, wird bislang unter Verschluß gehalten. Eine Erklärung über die Gründe für die Sekretierung erhielten die Berliner Autoren von ihren Wiener Auftraggebern bislang allerdings nicht. Ihnen sei, so Juliane Wetzel, lediglich mitgeteilt worden, die Untersuchung sei ungeeignet, da sie die "Islamophobie" in Europa - in letzter Zeit eines der Schwerpunktthemen des Wiener Zentrums - fördern könne. Auch hielt man den Autoren vor, sich eines zu komplexen Antisemitismus-Begriffs bedient zu haben. Juliane Wetzel weist diesen Vorwurf entschieden zurück: Die Grenzlinie zwischen antiisraelischer Kritik und der Verwendung einer ausgeprägten antisemitischen Sprache sei mit aller Deutlichkeit gezogen worden. Zu der letzteren gehörten etwa Analogien zwischen den Verbrechen der Nationalsozialisten und den Praktiken des israelischen Staates - die allerdings auch von manchen radikalen Friedensaktivisten in Israel gezogen werden.

          Als Affront wird nun in Berlin auch das Vorgehen des EUMC empfunden, dieselbe Studie praktisch neu auszuschreiben, ohne den Autoren offiziell abgesagt zu haben. Auch an das ZfA schickte man kürzlich die neuen Ausschreibungsunterlagen. Dort wird nun - im Unterschied zur ursprünglichen Ausschreibung - eine bestimmte Definition des Antisemitismus zur Auflage gemacht, und zwar exakt jene, "wie sie in dem EUMC-Workshop über Antisemitismus" erarbeitet worden sei. In Berlin ist man frappiert. Drei solche Arbeitstagungen, so Juliane Wetzel, habe das EUMC organisiert, eingeladen habe man Ende 2002 die Berliner Autoren nur zu einem, und zwar zu einem Zeitpunkt, als die Studie so gut wie abgeschlossen gewesen sei.

          Auch sei bei diesem in Brüssel veranstalteten Treffen bei der Erörterung des Antisemitismus am Konzept der Berliner Autoren kein Wort der Kritik geäußert worden. Von der israelischen Zeitung "Haaretz" wurde der Mitautor der Studie, Werner Bergmann, mit der Aussage zitiert, die Untersuchung sei wegen "übermäßiger politischer Korrektheit" zurückgehalten worden: Offensichtlich fürchte man in der Europäischen Union den Bürgerkrieg. Wie nun in diesem Streit Recht und Unrecht verteilt sind, ob die Untersuchung tatsächlich aus politischen Gründen bislang nicht veröffentlicht wurde - das kann erst dann geklärt werden, wenn die Ergebnisse publik gemacht werden. Dafür sollte das EUMC in Wien Sorge tragen.

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