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Antideutsche Klischees in Frankreich : Euro statt Wehrmacht

Seit die Pickelhaube so getragen wird, taugt sie nicht mehr als Symbol eines falsch verstandenen Preußentums Bild: AFP

Wenn im französischen Wahlkampf gar nichts mehr geht, bemüht mancher Politiker antideutsche Klischees. Einst war das ein Zugpferd. Heute macht man sich damit unmöglich.

          Jetzt blüht sie wieder, die deutsche Neurose der Franzosen. Seit Wochen glaubten sie, dass Angela Merkel unter dem Druck von ganz Europa auf die französischen Vorstellungen einschwenken würde. Die Zuspitzung der Finanzkrise hat Sarkozy, dessen Kampf um die Wiederwahl im kommenden Jahr fast schon verloren schien, innenpolitisch gestärkt. Die Kampagne von François Hollande hingegen, dem die Meinungsumfragen nach der Vorwahl siebzig Prozent der Stimmen versprachen, geriet ins Stocken. Der Präsident inszeniert seine Gipfeltreffen und hält Krisenreden, sein Gegner spricht in der Provinz. Bei den Sozialisten machte sich Nervosität bemerkbar. Sie taten, was in Frankreich Tradition hat: In der Defensive bemüht man antideutsche Klischees.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Ohne konkret zu werden, aber anspielungsreich genug, warf Martine Aubry dem Präsidenten vor, in Berlin „kapituliert“ zu haben. Arnaud de Montebourg bemühte Bismarck: „Die Frage des deutschen Nationalismus stellt sich erneut.“ Der Vergleich der beiden Kanzler ist aber auch eine Spitze gegen Sarkozy, der sich gerne mit Napoleon identifiziert: Von Montebourg wird er der „kleine Napoleon“ genannt, jener der „Niederlage von 1870“. Den Begriff von der „deutschen Neurose“ der Franzosen hat Emmanuel Todd geprägt. In der Bewunderung der Pariser Elite für das deutsche Modell macht er eine anhaltende „Vichy-Mentalität“ aus: „Man steht in Konkurrenz zu Deutschland, aber da man nicht stärker sein kann, unterwirft man sich.“ Diese Ambivalenz zwischen Bewunderung und Angst war in den vergangenen Wochen deutlich zu spüren. Gestern beschrieb der „Figaro“, wie „Deutschland auf Grund seiner wirtschaftlichen Erfolge sein Recht durchsetzt“. Und veröffentlichte auf der nächsten Seite eine Umfrage: Frankreichs „Kader wählen Merkel“ – sie wollen das deutsche Modell.

          Man schämt sich der Klischees

          Auch für Sarkozy ist es eine Obsession. Von Todd wird er genauso heftig kritisiert wie Merkel. In einem seitenlangen Interview geißelt er den deutschen Alleingang und den „Münchner Geist“ der „stupiden Eliten“ beider Länder, die dem Diktat der Finanzmärkte keinen Widerstand entgegen setzen: „1940 ohne Wehrmacht.“ Die Sozialisten sind zusammen mit den Grünen die französische Partei, die am wenigsten auf antideutsche Ressentiments gesetzt hat. Der verzweifelte Versuch der Profilierung ihres matten Chefs Hollandes gegenüber Sarkozy hat indes einige ihrer Meinungsführer zu reflexartigen Überreaktionen verleitet: Sarkozy kapituliert vor Deutschland! Sie lieferten damit der Regierung ein willkommenes Argument für den Gegenangriff: Die Sozialisten sind deutschfeindlich!

          Ihre „Germanophobie“ beherrscht seit ein paar Tagen die Diskussion. In einem Interview plädierte Außenminister Juppé gegen „die alten Dämonen“. Angeheizt wird die Stimmung durch einen dämlichen Artikel des Schriftstellers Patrick Besson in „Le Point“: Er veröffentlichte eine fiktive Regierungserklärung der grünen, aus Norwegen stammenden Kandidatin Eva Joly. Die Rede ist so geschrieben ist, wie Deutsche mit starkem Akzent Französisch reden: „Zalut la Vranze!“, zwei Spalten lang.

          Seit in Frankreich Vichy thematisiert wird, spielt Deutschland in jedem Wahlkampf eine Rolle. Vor einem Jahrzehnt sprach Jean-Pierre Chevènement, als er längst nicht mehr zu den Sozialisten gehörte, von Deutschland als Neuauflage des Heiligen Römischen Reichs mit nationalsozialistischer Vergangenheit. Ganz besonders skrupellos und verlogen äußerte sich Sarkozy, als er im knappen Wahlkampf 2007 die Résistance instrumentalisierte: „Frankreich hat nie der totalitären Versuchung nachgegeben. Es hat nie ein Volk ausgerottet. Es hat die Endlösung nicht erfunden, es hat kein Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen, auch keinen Genozid.“ Am Montag empfing er Merkel in Paris, Hollande war gleichzeitig zur Schadensbegrenzung in Berlin. „Debatte beendet“ erklärten die Genossen. Hoffentlich. Der Rückfall in die alten Mechanismen macht gleichwohl einen Fortschritt deutlich: Man setzt nicht mehr ungestraft auf die antideutschen Klischees und Reflexe, man schämt sich ihrer sogar ein bisschen. So richtig ungehemmt wird die Deutschfeindlichkeit nur noch dem Gegner unterstellt.

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